Der Damenverlust des Nachbarn Samuel

"Immer wenn ich ein Schachbrett sehe, muß ich an meinen Nachbarn Samuel denken. Er brachte mir das Schachspiel bei.
Er wohnte mit seiner Frau in einem kleinen Haus uns schräg gegenüber. Schlechter als diese zwei konnten Eheleute nicht zueinanderpassen. Beide aber ertrugen die Misere mit Geduld. Seine Frau war eine fromme Katholikin. Sie ging jeden Morgen in die Messe und tadelte ihren Mann, weil er lieber Schach spielte. Sie war liebenswürdig, höflich und bescheiden, aber sehr geizig, deshalb mieden die Nachbarinnen sie.
Meine Mutter erzählte, sie erlaube niemandem – nicht einmal Samuel -, im Salon zu sitzen, denn die Sessel und Sofas dort sollten nur dann belüftet und benutzt werden, wenn der Bischof einmal im Jahr, kurz nach Ostern, kam.
Samuel war beliebt. Er scherzte gerne und lachte viel, und wenn er nicht im Café Schach spielte oder sich mit Passanten auf der Straße unterhielt, stand er Sommer wie Winter auf dem Balkon und zog an einer Zigarette. Er durfte in der Wohnung nicht rauchen. Seine Frau hielt Rauchen für eine Sünde, eine Geldverschwendung, und auch den Gestank konnte sie nicht ertragen.
Er rauchte also nie in der Wohnung, bis zu dem Tag, an dem seine Frau durch einen Herzinfarkt im Schlaf starb.
Einen Tag später besuchten ihn die Nachbarn, um nach ihm zu schauen. Sie fanden ihn im Salon. Er saß im bequemsten Sessel, hatte seine Füße auf den Tisch gelegt und rauchte. Die Nachbarn mußten sich durch eine dichte Rauchwolke zu ihm durchkämpfen, um ihn ein wenig zu trösten. Er aber hustete und wiederholte mehrmals fast heiter: "Ich weiß, ich weiß. Sie war eine liebe Frau."
Zwei Tage später holte er Handwerker ins Haus und ließ es renovieren. Dann riß er alle Fenster auf, und von der Straße aus sah man ihn im buntgestrichenen Salon vergnügt seine Zigaretten rauchen.
Von nun an ging er nicht mehr ins Café, sondern lud alle Freunde zu sich nach Hause ein."

(Auszug aus der Rede von Rafik Schami"Ein Garten für die Jugend" anläßlich des Weilheimer Literaturpreises 2003)

Der Text ist erschienen bei Hanser innerhalb des Buchs"Damaskus im Herzen" und – als Hörbuch "Ein Garten für die Jugend" bei LangenMüller. Die Rede des großartigen Erzählers in vollem Wortlaut :  http://www.rafik-schami.de/schami_e_1.cfm

Wer sich nicht nur für Schach interessiert, sondern auch mal den Blick weit über das Brett hinausschweifen lassen möchte, dem empfehle ich – neben den zahlreichen Büchern des syrischen Autors – seine Dankesrede anläßlich der Verleihung des Nelly -Sachs -Preises 2007 : http://www.woz.ch/artikel/2007/nr51/leben/15784.html

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Durch Opfer reifen…

So lautete die Kapitelüberschrift einer Rede von Papst Benedikt vor Priestern in Albano 2006, in der er an die Opferbereitschaft der Menschen appellierte. Zum Schluß dann der markante Satz:

"Und miteinander müssen wir lernen, dass es schön ist, durch die Opfer zu reifen und so für das Heil der anderen zu arbeiten".

Ich muß gestehen, dass ich in dieser Hinsicht schon Enormes geleistet habe. Mein entsprechender Reifegrad ist mittlerweile ausstellungswürdig. Also Zeit, die Reißleine zu ziehen und kritisch zu hinterfragen, ob diese "Heilslehre" nicht irgendwann überholt ist.

Papst Benedikt, recht jung im Amt, doch alt an Jahren, greift – wenn man es genau betrachtet – eine alte Idee von Rudolf Spielmann auf, der schon 1935 mit seinem Buch "Richtig opfern" dem plumpen Materialismus eine Absage erteilte. Vor allem seine Definition vom "richtigen Opfer", nämlich dem nicht exakt berechenbaren, sondern intuitiven , bin ich jahrelang mit großer Hingabe (!) gefolgt.

 

Bis letzten Sonntag!

Im Mannschaftskampf gegen Meiderich (Heidemann, Sabat,Gecks – nur für alte Säcke dechiffrierbar) wollte ich von Beginn an den Ball flach halten, um dann doch im frühen Mittelspiel eine typische Spielmann-Stellung zu produzieren.

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Ehre wem Ehre gebührt

Nach den lebhaften Diskussionen um den “Dopingskandal” bei der Schacholympiade in Dresden , als Iwantschuk den Spielort nach seiner verlorenen Partie fluchtartig verließ ohne pflichtgemäß eine Urinprobe abzusondern, wird mir allmählich klar, dass Schach als Sportart häufig nur noch als kabarettistischer Pausenfüller wahrgenommen wird.

Robert Hübner hat – auf seine Art – ein markantes Statement dazu abgegeben, das vielleicht (hoffentlich) ein Umdenken im Selbstverständnis der Schachspieler anzetteln könnte.

Im Souterrain der schachlichen Vervollkommnung durfte ich vor einigen Tagen hautnah erleben, wie sich ein SCHACHSPORTLER inmitten der anderen Sportler fühlen kann (muß).

Anlaß war die Ehrung der Stadtmeister und Spitzensportler in der Stadt, für dessen Schachverein ich tätig bin. Der Bürgermeister hatte eingeladen, und ich als Stadtmeister der Gemeinde hatte schriftlich meine Teilnahme zugesagt, da ich mich als “Repräsentant” des Vereins verpflichtet fühlte Präsenz zu zeigen und auch der kleinen Eitelkeit der “Ehrung” erliegen wollte.

Viele Sportler, noch mehr Funktionäre ( so erschien es mir zumindest) und ein Sinfonieorchester fanden sich im örtlichen Rathaus ein. Außer zwei Orchestermusikerinnen aus meiner Heimatstadt kannte ich niemanden und schaute mich im Festsaal um. Der Zustand des Fremdseins ist mir vertraut und schreckt mich wenig. So versuchte ich mir ein Bild zu verschaffen, welcher Gast hier im Saal welche Sportart ausübt, bzw.; wer ist hier Sportler? Wer ist (lediglich) Funktionär?

Das Orchester spielte ein Stück aus “My fair Lady”, Applaus, dann die erste Rede des Tages vom Vorsitzenden des Stadtsportverbandes, der die “herausragenden Leistungen” der Sportler und ihre “Vorbildfunktion” herausstellte. “Besonders begrüßt” wurden etliche “Würdenträger”, die sich bei Erwähnung ihres Namens brav erhoben und mit Beifall wieder zum Sitzen gebracht wurden. Dann das Orchester wieder, das den Auftritt des Bürgermeisters wohl musisch vorbereiten sollte: Schmissig und gekonnt , von einer feurigen Dirigentin angestachelt, nahmen die Musiker allmählich Fahrt auf, mußten jedoch ihre Fulminanz nach einem Musical-Stück beenden, damit der Bürgermeister seine (natürlich vorbereitete) Rede halten konnte. Sie dauerte (natürlich) recht lang, war allerdings wesentlich gestenreicher als beim Vorredner, besonders bei den sozialen Aspekten der Vereinsarbeit (“Jugendliche mit Migrationshintergrund”). – Tja, dann durften die Musiker wieder ran…

Dann der Höhepunkt der Sportlerehrung: Die Ehrung der Sportler!

Eine Funktionärin rief die Namen der zu ehrenden Sportler und deren Sportart auf , und der Bürgermeister überreichte den Pokal, ein paar Funktionärshände mußten in der richtigen Reihenfolge geschüttelt werden. Danke, vielen Dank, danke…

Als Schachspieler inmitten der Sportler, zumal im fortgeschrittenen Alter, ohne jegliche athletische Ausstrahlung fühle ich mich restlos deplaziert. Selbst die ältere Dame, die bei einem 24 Stunden-Lauf der Ü 65 die Siegespalme errungen hat und bei der Ehrung mit viel Applaus bedacht wird, stellt den normalen Schächer locker ins Abseits. Neben mir sitzt eine blutjunge Sportlerin, die sich als erfolgreiche Kanu-Polo-Spielerin entpuppt (ich hatte auf 110m Hürden getippt). Hätte mich beim Entree jemand gefragt, in welcher Sportart ich geehrt werden soll, hätte ich pfeilschnell geantwortet:” Stabhochsprung!”

Wer Schach wirklich zur Sportart erklärt, der sollte auch fähig sein, zumindest das Sportabzeichen zu machen: Als Ausdauersportart schlage ich dabei Fernschach vor…

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Kontemplatives Schach

Ich bin mir sicher, dass ich meine “Schachkarriere” längst beendet hätte, wenn ich nicht die Möglichkeit gefunden hätte, im Geblogge einen Rettungsanker zu werfen.

Die Bloggerei ist eine bequeme Möglichkeit, Wunden zu lecken, Mißerfolge zu entschuldigen, Gegner nachträglich „matt zu setzen“, aus verstaubten Aktenordnern Urkunden  und Presseberichte hervorzuzaubern, um das geschwächte Schach-Ich wieder aufzurichten. Wenn die Reservetruhe leer geräumt ist und keine neuen Glanzpartien erschaffen wurden, dann bleibt immerhin noch die ausgiebige Auswertung von Verlustpartien, die opulente Ausschlachtung der eigenen Patzerhaftigkeit, das  lustvolle Suhlen im Versagensbottich.  Auf Dauer ist dies jedoch eine sehr beengende Bloggerperspektive.  Auch lange Durststrecken und ständige Mißerfolge verlieren – nicht nur für mich – ihren „Charme“.

So verringerte ich allmählich meine Turniertätigkeit, quälte mich in Gewinnstellungen mit Gedanken herum, wie ich die Partie doch noch verlieren könnte… und wartete eigentlich auf den „Fangschuß“, um die geliebt-gehaßte Droge Schach endgültig in den Müll zu schmeißen.

Da kam mir die retttende Idee(Sonntag.Frühstück.9 Uhr20). Ich sagte mir:“ Ab heute spielst du nur noch KONTEMPLATIVES SCHACH.  Ich verbeiße mich nicht mehr in meinen Gegner wie ein Hund, der von der Kette gelassen wird. Ich strebe keine Verwicklungen mehr an, die ich nicht überschauen kann. Ich schaue mir in Ruhe die jeweilige Stellung an und behandele sie wie eine Frage im Kreuzworträtsel. Zug für Zug, Frage nach Frage. Ob ich das ganze Rätsel lösen kann, ist (jetzt) nicht wichtig.

Da ich seit etwa 40 (!) Jahren keinem Händel aus dem Weg gegangen  bin und immer die Jacke voller Streichhölzer hatte, um das Brett in Brand zu setzen, kam mir dieses sonntägliche  Manifest fast revolutionär vor.

Mit dieser neuen Einstellung habe ich dann beim diesjährigen GOCHER OPEN  einen Probelauf gestartet, der mich zwar ELO-mäßig zurückgeworfen hat, jedoch  meine Treue zu CAISSA gefestigt hat.

Das GOCHER OPEN ist seit Jahren mein einziges OPEN, das ich gerne spiele. Im Jahre 2006 war ich dort wieder recht erfolglos, so dass ich aus der Ferne von der „Bühne“, wo sich die Cracks bekämpften, mit meiner Kamera „heimliche Aufnahmen“ machen konnte.

So verbissen wie der IM in dem Filmchen möchte ich nicht mehr kämpfen. 

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Matt in einem Zug


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Der Bilderfluter

Die übliche Morgenpost (Rechnungen etc) wurde heute aufgefrischt durch eine Zeitschrift, die eigentlich an den Sohnemann adressiert war, jedoch erstmal in meinen Fängen hängenblieb, da mir das Titelblatt sofort ins Auge sprang und zum Aufblättern animierte:

" F l u t e r " – "MAGAZIN DER BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG", Juni 2008. Thema des Heftes:"

 Dabei sein ist nicht alles. Das Sportheft"

. (Auf dem Titelbild: Aus der Vogelperspektive abgelichtet zwei Boxer im Ring. Der eine stehend, zur Ringecke gehend, der andere sehr flach auf dem Rücken liegend, zur Decke starrend.

Ich bin beeindruckt, wie attraktiv und tiefgründig die Probleme des Sports für Jugendliche aufbereitet sind 🙁Sport und Geld in Deutschland;Klaus Theweleit über Körperkult;Sport ist vom Fernsehen abhängig usw).

Dann stoße ich auf einen Artikel, der mich (natürlich) besonders anzieht:"Sport kann echt den Charakter verderben".

Es werden 8 Beispiele aufgezeigt, die dies bestätigen. u.a. der Olympische Marathonlauf 1972, als ein Schüler mit selbstgebastelter Startnummer plötzlich als erster ins Münchener Olympiastadion einläuft und sich als vermeintlicher Sieger feiern läßt und dem echten Sieger Wayne Shorter die Show stiehlt.

Natürlich darf Zidane mit seinem Kopfstoß nicht fehlen und auch der Ohrenbiß von Mike Tyson gegen Holyfield .

Und auch der Olympische Fünfkampf Montreal 1976 hat seine Skandalfigur:

 Boris Onischenko: "…tritt …als Mitfavorit im modernen Fünfkampf an. Beim Degenfechten gewinnt er mehrere Kämpfe hintereinander.Im Duell mit dem Briten Jim Fox fällt dessen Teamkameraden auf, dass der Degen weit vom Gegner entfernt ist, als die Lampe aufleuchtet…. " (Onischenko hatte an der Elektronik gebastelt).

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Dostojewski,Boticelli und Karel Gott – Als Schachmeister noch Typen waren

Das Internet ist wahrlich ein Segen für das gesamte Schachleben, nicht zuletzt wegen der enormen Informationsfülle, die auch dem Fußvolk der Schächer geboten wird. Es ist eine Demokratisierung der Möglichkeiten, die früher  nur den privilegierten Meisterspielern vorbehalten war.Zudem ist der Unterschied zwischen realem Klötzchengeschiebe und dem Mausgeklicke zwecks Figurenbewegung kaum erwähnenswert. Dennoch erlaube ich mir eine Zwischenfrage:

"Wo fangen Sie an zu suchen, wenn ein Gast Ihre Wohnung betritt und fragt, ob Sie Lust haben, eine Partie Schach zu spielen?! Ich bin mir nicht sicher, wo mein edles Turnierbrett geblieben ist (wahrscheinlich hinter ein Bücherregal geklemmt), doch vollends hilflos würde ich dreinschauen, wenn ich auf Figurensuche gehen müßte….

Und ich erlaube mir  heute einen (verklärten?) Blick zurück in die Zeit, als ich noch abends zum Düsseldorfer Hauptbahnhof stiefelte,um die neuesten Ergebnisse des Bieler Interzonenturniers in einer Schweizer Zeitung nachlesen zu können, als Robert Hübner großartiges Schach spielte.

1977 durfte ich als Vertreter der Uni Düseldorf an der "Deutschen Hochschuleinzelmeisterschaft" teilnehmen, die in  St.Andreasberg  ausgetragen wurde. Im  benachbarten Bad Lauterberg fand gleichzeitig ein Großmeisterturnier mit dem amtierenden Weltmeister Karpov und  anderen Schachgrößen (Torre,Timmann,Miles ,Hübner!etc )statt. Es war ein prägendes Erlebnis, neben dem eigenen amateurhaften Herumstochern, die Meister in der Nachbarschaft zu besuchen, um stundenlang neben den Brettern zu hocken und mitzufiebern. Kein geringerer als der Satiriker Eckhard Henscheid hat in der DZ  vom 25.3.1977 ein Schlaglicht auf diese besondere Veranstaltung geworfen: Er deutet dabei schon an, welche Veränderungen die Schachwelt zu erwarten hat, vor allem, wie  respektlos und frech die neuen "Wilden" ihre Aufgaben angehen:

"Bei Zug 20 steht das Brett in Flammen –

Die neuen Meisterfiguren des Schachspiels.

Anatoli Karpov hat das königliche Spiel in Bad Lauterberg als seriöser Musterknabe vertreten.Aber schon kreuzen flotte Antitypen mit Computerhirn am Tisch auf….

Ja die neue Generation der "flotten Antitypen", die hat Henscheid schnell ausgemacht:

Der Boticelli-Engel

Hundert bis 150 Zuschauer drängeln sich an der Barriere entlang von Tisch zu Tisch, analysieren außerhalb des Turniersaals oder verschwinden kurz im Kaffeehaus.Es herrscht gedämpft-lautlose Dauererregung. Fotografieren ist nach einer halben Stunde untersagt.  Grimmig blickt der dostojewskibärtige Dr.Hübner ein ums andere Mal vom Brett hoch, wenn es trotzdem weiterklickt – das kann er nicht haben, wohl aber offensichtlich seine "Odyssee-Ausgabe, in der der Altphilologe hin und wieder blättert.

Sosonko vetraut beim Match mit Karpov auf Schokolade, der russische Altgroßmeister und Karpov-Trainer Furman raucht als einziger zügig, bis zum 20.Zug immerhin sechs heimatliche Filterzigaretten.Prächtig schmaucht der Turnierleiter Helmut Nöttger seine Zigarre und zischt gemütlich ein Pils.Sonst dominiert schwarzer Kaffee;der Bilderbuch-Phlegmatiker Keene aus England vertraut schwarzem Tee. " –

Genau dieses unmittelbare Erlebnis, Individualisten, Charaktere, kurzum echte "Typen" bei der Denkarbeit zu beobachten, machte den Reiz der Begegnung aus. Mit meiner (nichtdigitalen) Kamera habe ich  damals ein paar Momente  festgehalten, die ich im Folgenden einstreue (Boticelli!!). Henscheid wagt einen Ausblick in die Zukunft:

"Amüsiert zu bewundern war in Bad Lauterberg die neue Großmeistergeneration der Rocker und Beatles. Der Philippino Torre. einer der drei Karpov-Bezwinger seit 1975, verstrahlt Twen-Niedlichkeit im Jeansanzug, der Schwede Andersson spielt in einer Art Rocker-Jacke gegen den wirrhaarigen Blue-Jeans-Engländer Miles. Ein optisch besonders reizvolles Team bilden der Grandseigneur Furman und der Holländer Jan Timman, ein langmähniger Boticelli-Engel in kunstvoll

vergammeltem internationalem Freizeit-Look.

Diese neue Großmeister-Generation, sie will vielleicht doch mehr als nur Schach. Das läßt Unheil befürchten. Ebenso wie die Vision, die jungen Giganten würden noch mit 60 in Jeans gegeneinander vorgehen. Ob da nicht selbst die Würde einer 12 zügigen Kombination Schaden nimmt? Aber noch ist Karpov im schwarzen Anzug Weltmeister.

Doch selbst der angepaßte junge Mann "im schwarzen Anzug" konnte in seiner Blütezeit die Massen elektrisieren, da er unverwechselbar- eben ein Typ war. Amüsant zu lesen, wie z.B. die "Stuttgarter Nachrichten" im April 1977 das Phänomen Karpov anläßlich eines Uhrensimultan gegen 10 starke Amateure zu beschreiben versuchen. Mit großem Aufwand wurden sogar Fernsehkameras in die Daimler-Benz-Sporthalle montiert.

Ein gewisser KNITZ hat sehr genau hingeschaut:

"Was die Kameras freilich wenig zeigen konnten. waren die Hände Karpows: er hat Finger wie ein Pianist.Und wenn er ein Brett abräumt, tut er das zärtlich wie ein Antiquitätenhändler. Und er hat einen reizenden Adamsapfel. Vor welchem Brett er auch immer stand: erst ging der Adamsapfel dreimal rauf und runter. Dann guckte er den jeweiligen Spieler an, als singe Karel Gott das Lied von der Moldau. Dann strich er sich die Haare vor dem Ohr nach unten. Dann räumte er das Brett ab. Oder er wippte wie eine Taube mit dem Kopf und zählte offenbar an den Feldern ab, was geht und was nicht geht . Alles an ihm ist rasch, fein, leise, scheu, freundlich. Die Sowjets zeigen ihre zweite Generation vor, und da geht schon einiges wieder zurück auf Dostojewski…."

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Lasker in Alaska

Das neue Buch von Michael Chabon „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ liegt  zusammengeklappt neben meiner Tastatur, gespickt mit eingeschobenen Zettelchen, Kommentaren und diversen Verweisen , als ob ich in Kürze ein Referat dazu abliefern müsse.

Doch in Wirklichkeit ist es wohl nur der schüchterne Versuch, einen wild gewordenen Autor einzufangen, der sich verdammt viele Freiheiten nimmt und auch  historische Personen und Ereignisse fiktional aus den Angeln hebt.

Ich habe nur aus einem einzigen Grund die – anstrengende – Lektüre durchgezogen: Schach ist ein wichtiger Bestandteil des Romans, so die Verlagsankündigung!

Also blättere ich erstmal und scanne blitzschnell mit den Scheuklappenaugen eines Schächers  die 420 Seiten in der stillen Hoffnung, mal wieder einen Autor bloßstellen zu können, der zwar netterweise das Thema „Schach“ in seinem Oeuvre aufgenommen hat, allerdings dutzendfach beweist, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Welch ein Grinsen, welch ein Lachen, wenn der Protagonist z.B. von der „Nimzo-kroatischen Eröffnung“ schwadroniert! Da freut sich der gemeine Schachamateur, der im Vergleich zum Schriftsteller fast seine gesamte Freizeit opfert, um durch jahrelanges Training  vom kleinen Patzer zum großen Patzer aufzusteigen.

Michael Chabon  greift in seinem Roman eine alte Idee von Emanuel Lasker auf, der in seinem letzten Lebensabschnitt in New York weilte und sich schriftlich dafür einsetzte, daß die europäischen Juden nach Alaska ausreisen dürften. Was realitätsfremd und naiv wirkte, wurde jedoch von Roosevelts Innenminister Harold Ickes  in den Congress getragen, wo dieser Antrag allerdings brüsk abgelehnt wurde.

Man wollte keine „unwashed immigrant population…“

Der Autor lässt nach dem Holocaust die europäischen Juden für eine Übergangszeit von 60 Jahren nach Alaska auswandern in den District Sitka, wo sie ihre eigene jiddische Welt pflegen und kultivieren.

Hier beginnt nun die eigenartige Kriminalgeschichte (a la Chandler), ein echter Whodunit, der schon nach wenigen Zeilen ein prominentes Opfer findet. Detektiv Meyer Landsmann , ein abgetakelter Trinker und Zyniker, muß in der Absteige, die ihm als Herberge dient, einen Mord aufklären.Der Tote scheint Emanuel Lasker zu sein.

Für uns Schächer mit dem 64-Felder-Tunnelblick zitiere ich ein paar Textstellen, die ein „echter“ Schachspieler niemals so vortrefflich schildern könnte: Ort des Geschehens:Hotel Einstein, „in dessen Cafe die großen Verbannten der jüdischen Schachwelt sich Tag für Tag trafen, um sich herz-und erbarmungslos zu vernichten.Landsmans Vater, zu jenem Zeitpunkt halb irre durch das frisch zugeführte Fett, den Zucker und die schleichenden bösen Folgen von Typhus, machte kurzen Prozeß.Er nahm es mit jedem Ankömmling auf und schickte jeden Einzelnen so vernichtend geschlagen aus dem Einstein, dass ein oder zwei seiner Gegner ihm niemals verziehen.Schon damals legte er die düstere,gequälte Spielweise an den Tag, die dazu beitrug,Landsman den Sport bereits als Kind zu vergällen.“Dein Vater spielt Schach“, sagte Hertz Shemets einmal,“ als hätte er gleichzeitig Zahnschmerzen,Hämorrhoiden und Blähungen.“ Er seufzte, er stöhnte.Wie von Sinnen zog er an den stoppeligen Resten seines braunen Haars oder jagte es mit der Hand kreuz und quer über seinen Schädel wie ein Bäckermeister, der Mehl auf einer Marmorplatte verstreut. Die Fehler seiner Gegner verursachten ihm Magenkrämpfe.Seine eigenen Züge, so wagemutig, überraschend, originell und klug sie auch waren, trafen ihn wie furchtbare Nachrichten, so dass er bei ihrem Anblick die Hand vor den Mund schlug und die Augen verdrehte.“

(„So do I“ – Schachneurotiker)

 

Onkel Hertz’ Stil war ein völlig anderer.Er spielte ruhig, strahlte Gleichgültigkeit aus, hielt den Körper in einem Winkel zum Brett, als erwarte er in Kürze eine Mahlzeit auf dem Tisch vor sich oder ein hübsches Mädchen auf seinem Schoß…..“

 

 

Landsmans Vater schonte auch seinen Sohn nicht, zwang ihn immer wieder zu qualvollen Schachduellen.“Landsmans Vater erlegte seinen Sohn, nahm ihn aus und sezierte ihn, während er ihn von der baufälligen Veranda seines Gesichts beobachtete.“

 

„ Nach einigen Jahren dieses Sports setzte sich Landsman an die Schreibmaschine seiner Mutter und tippte einen Brief an seinen Vater, in dem er ihm seinen Hass auf das Schachspiel

beichtete und bat, nicht länger zum Spielen gezwungen zu werden.“

Leider brachte der Vater sich um, bevor er diesen Brief öffnen konnte. Die Folgen  für den Sohn waren verheerend:

„Er nässte ins Bett, wurde dick, sprach nicht mehr .Seine Mutter schickte ihn zu einer Therapie bei einem bemerkenswert sanften und erfolglosen Arzt namens Melamed.“

 

Der skurrile, schräge , höchst originelle Kriminalroman kehrt immer wieder zum Schachbrett zurück, da nur dort der Fall zu lösen ist. Eine abgebrochene Mittelspielstellung gilt es zu dechiffrieren (das allerdings kennt man aus anderen Werken), doch immerhin gipfelt die Auflösung in der Beletage der Schächerwelt : Zugzwang und – Unterverwandlung!!

Michael Chabon:"Die Vereinigung jiddischer Polizisten"

Kiepenheuer&Witsch, 19.95   Sehr empfehlenswert – auch für NichtSchächer!
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Schacholympiade bleibt spannend

Eigentlich kommentiere ich keine "schachpolitischen" Themen, da dies von kompetenten Schachjournalisten tagtäglich geleistet wird. Nun plane ich seit einigen Monaten meine Reise zur Schacholympiade Dresden, da ist auf einmal mein kleines Schächerleben sehr nah mit der "hohen" Politik verknüpft. Der gute Schwiegervater ( Billard – s.unten) schickte mir den beigefügten Pressebericht, der meine Reisevorfreude arg schmälert

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Schwiegervater spielt gern freie Partien

und ich bin von Beginn an chancenlos, obwohl er keine Ahnung vom Schachspielen hat.

Er ist passionierter Billardspieler . (Die Freie Partie ist die Grunddisziplin von Carambole-Billard. Hier gilt die Grundregel, wonach eine Carambolage dann erzielt ist, wenn der Spielball die beiden anderen Bälle berührt, ohne Einschränkungen).

Morgen reist er wieder an – wie jedes Jahr – um die Team-Weltmeisterschaft im Dreiband-Billard in Viersen zu verfolgen.

Wir unterhalten uns gern über unsere Randsportpassionen und  sind immer wieder überrascht, wie viele Parallelen sich bei genauerer Betrachtung ergeben. Im Jahre 2004 bin ich dann – neugierig geworden – mitgefahren, um die Billardatmosphäre hautnah mitzuerleben. Natürlich verglich ich schon beim Entree den Turniersaal mit der mir vertrauten Schachkulisse. Und ich wurde direkt stutzig: Wohlige Musik rieselte durch die vollbesetzte Halle, die tatsächlich weiterlief, während die Matches begannen. Unten die schweigenden, sich konzentrierenden Meister, oben auf den Rängen die gebannten Zuschauer, die sich tatsächlich ( wenn auch leise) unterhalten konnten. Keine Konzertbesuchpeinlichkeitsatmosphäre beim Aufreißen einer Cola-Dose oder ähnlichen „Störgeräuschen“, stattdessen eine zwanglose Konzentriertheit, die sich bei gelungenen Stößen durch „begeistertes“,unaufdringliches Fingerschnippsen entlud. So konnte ich den Erklärungen meines Schwiegervaters aufmerksam folgen, ohne dass irgendein Spieler sein  obligatorisches

 „R U H Ä !!“ oder ( bei schlechter Stellung) 

„ S C H N A U Z E !! „ durch den Saal brüllte.

Ich fühlte mich wohl.Auffallend auch die „kultivierte“ Kleidung der Spieler ( sorry, ich werde alt) und die Ästhetik der Bewegungen, die durch äußerste Selbstdisziplin und Konzentriertheit geschaffen wurden. Auch nach offensichtlichen „Patzern“ begab sich der Spieler mit „Stil“ zu seinem Sessel, um sich die Bemühungen seines Kontrahenten (neidlos?!) anzuschauen.

„Ein ehrlicher, charakterfordernder Sport“ , dachte ich so bei mir , als ich mir die aktuelle Situation im Spitzenschach (Doping, elektronische Hilfen,Danailov-Scharaden etc) vor Augen führte. Kein „Kiebitz“ konnte hier helfen, auch lautes „Vorsagen“ wäre lächerlich . Beneidenswert. Mein Schwiegervater neigte sich plötzlich zu mir:“ Im Fernsehen gibt es nur noch Pool-Billard, sprich Snooker. Die hohe Kunst DREIBAND-BILLARD ist aus dem Fernsehen verschwunden.“ Sein Gesicht klagend, die Augen zur Festhallendecke gerichtet.

Schon denke ich an „Schach im Fernsehen“ (Pfleger,Hort,Frau Krämer) und zucke zustimmend die Schultern.

Wir fahren zu uns, er fachsimpelt, ich frage und plötzlich fällt mir das vermaledeite SCHACHBOXEN ein, das weltweit für Schlagzeilen sorgte.Da wirft sich eine Randsportart   an die mediengeile Boxerbrust, um sich  – würdelos – ein Sonnenplätzchen zu ergattern. Verkauft wird die ganze Chose als sensationelle Verknüpfung von Geistes – und Körperkraft.Der Gegensatz von feinsiniger Geistesarbeit und grober Fressenpoliererei kommt beim Publikum (natürlich) hervorragend an.

Mein bescheidener Vorschlag: Bleibt auf dem (schallschluckenden) Teppich! Übernehmt die wohltuende Hintergrundmusik von den Billardfreunden. Es gibt viele Parallelen zwischen den beiden Randsportarten.

Einstein says:Billard ist die hohe Kunst des Vorausdenkens. Es ist nicht nur ein Spiel, sondern in erster Linie eine anspruchsvolle Sportart, die neben physischer Kondition, das logische Denken eines Schachspielers und die ruhige Hand eines Konzertpianisten erfordert.

oder: Raymond Ceulemans(erfolgreichster Billardspieler aller Zeiten) "Karambolage ist Schach auf dem Billardtisch"

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