Der Schachspieler auf dem Rennrad

Tim Krabbes Roman „de Renner“ endlich auf Deutsch erschienen.

Nach fast 30 Jahren ist dieser Radsportklassiker endlich auch für deutsche Krabbe-Fans lesbar: ?Das Rennen?, ein autobiografischer Roman, der nicht nur für Cyclisten ein literarisches Meisterwerk  darstellt, sondern auch für jeden ambitionierten Sportler eine wahre Fundgrube an sprachlicher und psychologischer Kunstfertigkeit bereit hält.

Die Schachfreaks kennen Krabbe meist nur als Urvater der Schachblogs, der mit seinen „Schachkuriositäten“ seit vielen Jahren beste Unterhaltung bietet: http://www.xs4all.nl/~timkr/chess/chess.html  Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der junge Tim schon mit 15 Jahren Radrennfahrer werden wollte, jedoch nicht das nötige Kleingeld für ein Rennrad aufbringen konnte. So blieb er beim Schach. Mit 30 Jahren legte er das Schachbrett zur Seite , um doch noch seinen Platz auf dem Rennrad einzunehmen. Als leidenschaftlicher Radsportler führt er uns in seinem Roman  durch ein Amateurradrennen 1977 in den Cevennen (Tour de Mont Aigoul). Seine Psychologie des Sports , die Unerbittlichkeit des Siegenwollens. die Schmerzen des Todeskampfes, schildert er so eindringlich, dass der Leser sich gleichsam in einem Begleitfahrzeug wähnt, aus dem ungefiltert diese existentiellen Fahrerkämpfe zu beobachten sind:

„Mein ganzes Leben hatte im Rückblick nur ein Ziel gehabt: dieses letzte Hinterrad zu erreichen, hier , jetzt. Ich konnte nicht mehr. Aber diese forteilende Ziellinie, acht, sieben, sechseinhalb Meter vor mir, hielt meine Hoffnung und mein Verlangen wach.

„Ich hustete und spuckte. Ich erinnerte mich  an den Ratschlag :“Schalte, wenn du wirklich am Ende bist, in einen höheren Gang. Ich schaltete. Ein paar hysterische Tritte auf dem Dreizehner, die geballte Kraft des Todeskampfes. Ich war da. Ich hing am letzten Hinterrad. Ich war Mitglied der Spitzengruppe.“

Seine Erfahrungen als Schachspieler begleiten den ehrgeizigen Radsportler übergangslos, fast assoziativ. Als ein junger Außenseiter schon frühzeitig einen Ausreißversuch unternimmt, der von den erfahrenen Fahrern nicht einmal ernsthaft registriert wird, weil er von kompletter Dummheit diktiert wurde, fällt dem Schachspieler Krabbe sofort seine eigene Lehrstunde ein:

„Krabbe brachte in seiner Partie bereits nach 5 Zügen ein Aufsehen erregendes Damenopfer, sodass sich um seinen Spieltisch Trauben von Zuschauern bildeten. Nach 10 Zügen gab er auf.“

Im Peloton wie im Sport allgemein gelten für Krabbe knallharte Regeln.“ Wer sich mit anderen misst, will gewinnen, will den anderen ausschalten, ihn am Boden liegen sehen.

Nichts zischt so schön wie der platzende Reifen

eines Konkurrenten !“

Gerade diese martialischen Beschreibungen des Sportlerhirns liefern ehrliche und amüsante Auskünfte .Kein „Dabei-sein-ist-alles “ –  Gefasel der Sonntagsredner kann Krabbe gelten lassen, nein, er polarisiert und polemisiert herzerfrischend, setzt gerne noch einen drauf“.

Wer ein guter Verlierer sein kann, sollte vom Sport ausgeschlossen werden.“

Ich gebe zu, dieses Buch zweimal hintereinander gelesen zu haben, obwohl ich mein Fahrrad lediglich zum Einkaufen und zum schüchternen Sichern meines PKW-Führerscheins benutze.

Radsportweisheiten, die Krabbe immer wieder am Rande einstreut, kann man ( auch als Schachspieler) nicht oft genug lesen. Er zitiert z.B den berühmten Radrennfahrer Hennie Kuiper, der dem ambitionierten, doch schon etwas gealterten  Radnewbie Krabbe folgenden strategischen Rat mit auf den Weg gibt:

„Radsport ist ein Sport der Geduld. Radsport bedeutet, zuerst den Teller des Gegners leer zu essen, und sich erst dann den eigenen Teller vorzunehmen.“

ich wünsche diesem beeindruckenden Werk viele Leser:

Tim Krabbe: „Das Rennen“, Reclam Verlag,

 ISBN:3-379-00848-8, 12

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Daniel Harrwitz – Wat für ’ne fiese Charakter

Daniel Harrwitz (1829 – 1884) war zu seiner Zeit einer der führenden Schachmeister Europas.In Breslau geboren verschlug es ihn  schon recht früh in die Schachzentren Londons und vor allem Paris. Auffallend an ihm der große Kopf auf kleinen Schultern, die schachmustergestickten Hemden und Krawatten und vor allem seine dandyhafte-überhebliche Art, seine Umwelt zu behandeln..

In London  legte er in einem Match mit Staunton den Grundstein für eine fundierte Feindschaft, an der der umstrittene Engländer nicht schuldlos war. (Staunton war so unbeliebt, dass sich das CITY of LONDON MAGAZINE in seinem Nachruf weigerte, “ die alte Regel zu befolgen, nach der man über Tote nur Gutes sagen solle.Das mögen Verfasser von Grabinschriften tun, deren Geschäft es ist, Lügen in Marmor zu meißeln.“( aus: Wolfram Runkel „Schach,Geschichte und Geschichten“). Im Laufe des Wettkampfs ergab sich in einer turbulenten Partie ein heftiger (schachlicher) Schlagabtausch, der mit einem Bauernverlust des Engländers endete.Dieser nun konnte es nicht verwinden, dass seine „Gewinnkombination“ so schnöde krepierte.Er jammerte vor sich hin (“ I have lost a pawn“) und schien diesen mehrmals wiederholten Stoßseufzer nicht gegen sich sondern gegen seinen Gegner zu richten. Harrwitz riß der Geduldsfaden.Er klingelte nach dem Ober und sagte:“ Herr Ober , würden Sie bitte den Fußboden absuchen, mein Gegner muß hier irgendwo einen Bauern verloren haben!“

Weitere hochkarätige Wettkämpfe folgten: Gegen Adolph Anderssen (5:5) und vor allem gegen den Überflieger Morphy, der ihn im Cafe de la Regence zu einem Match herausforderte. Zur Überraschung der Fachleute gewann Harrwitz die ersten beiden Partien. Spätestens hier jedoch verfestigte sich der Eindruck vieler Zeitzeugen, die dem eitlen Breslauer vorwarfen, er sei „unausstehlich nach Niederlagen und ebenso unausstehlich nach Siegen“. Nachdem er die 2.Partie gegen den Amerikaner gewonnen hatte, beugte er sich über den Tisch, nahm das Handgelenk Morphys und verkündete – triumphierend in die Runde schauend – oh, sein Puls geht nur ein wenig schneller, als wenn er gewonnen hätte“. Morphy hat anschließend den Wettkampf souverän gewonnen!

Ein schönes Beispiel, wie man einen „fiesen Charakter“ wundervoll in das Spiel der Könige integrieren kann, lieferte der gescholtene Dandy dann bei einer Simultanveranstaltung: Hier verweise ich voller Respekt und Dankbarkeit auf die Site von Edward Winter , der die folgende – von mir sehr frei übersetzte – Anekdote zu Tage förderte:

In einer Partie war des Meisters Springer von einem schwarzen Bauern angegriffen.Der offensichtliche Weg war natürlich, dieses Pferdchen wegzuziehen, doch…Harrwitz sieht plötzlich, dass ein vierzügiges Matt möglich ist, wenn er den Springer stehen läßt und sein Gegner ihn nimmt. Allerdings würde der Amateur doch sehr stutzig werden, wenn der Meister einfach seinen König zur Seite bewegen würde, obwohl das Pferdchen hängt.  Da kam dem durchtriebenen Fiesling eine geniale Idee:

Er zog entschlossen Sb3 xe5 . Einen illegaleren Zug hätte er kaum erfinden können ( Sb3 – d5 erschien ihm vielleicht „unklar“?!).Prompt reklamierte der Amateur. Harrwitz protestierte und wurde unruhig. Schließlich sah er sein „Versehen „ein, machte den zur damaligen Zeit obligatorischen Strafzug mit dem König (!) nach b1 . Sein Gegner schlug hart und blitzschnell den Springer auf b3. Daraufhin kündigte der Schlaufuchs adhoc ein Matt in 4 Zügen an und gewann mit : 1.Dxa6+ Txa6 2.Lxa6+ Kb8 3.Td8+ Lc8 4. Txc8 matt!

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Vom Donner gerührt…

Eine der schillerndsten Figuren in der Schachszene war  zu seiner Zeit der Niederländer Jan Hein Donner ( 1927 – 1988). Er galt – hinter Euwe – als zweitbester GM seines Landes, der u.a. auch einmal gegen Bobby Fischer gewann (1962).Als engagierter   Journalist neigte er zu polarisierenden Auseinandersetzungen, die er auch schonungslos in der Öffentlichkeit austrug. Traurig – komische Berühmtheit erlangte er durch zwei Partien, die er „wunderschön“ verlor. 1968 spielte er in der Schlußrunde des Büsumer Turniers gegen einen jungen Deutschen namens Hübner, der bislang noch keine GM-Norm geschafft hatte.      

 Weiß:Donner       Schwarz:Hübner                                                                               

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„Etwas Besseres als den Tod findest du überall…“

Für mich ist ein Open-Turnier der Inbegriff von Urlaub: Abdriften in eine Ersatzwelt, Zurücklassen der Familie (also auch Urlaub für sie), Pollenschutz, Sonnenschutz, Nachbarnschutz usw… Da mir dies nur maximal einmal pro Jahr möglich ist, bin ich natürlich in der Regel "untrainiert", schwach, unsicher, kurzum grundsätzlich Außenseiter: Ein Jockey im Basketballfeld.

So erlebt auch letztes Jahr am Niederrhein, wo ich schon frühzeitig auf einen ELO-starken ( 2250) und auch körperlich kräftigen Athleten traf, der sich zudem auch noch beim Nachdenken weit übers Brett beugte.Ich wagte weder über noch unter dem Brett ( er trat natürlich auch entsprechend "über") Paroli zu bieten, setzte mich seitlich, die Füße lässig schwebend parallel zur Tischkante, als würde ich in einem griechischen Hafen einen Ouzo trinken. Ich war wild entschlossen, mit dieser "beiläufigen" Art meine Harmlosigkeit zu signalisieren. Mein Vorbild in dieser Hinsicht IWANTSCHUK, der  gerne unnachahmlich ins Nichts schaut und dabei jeglichen Bodenkontakt verloren zu haben scheint.

Auf gehts. Ich reiche ihm das Schwämmchen, er drückt es aus und setzt die Uhr in Gang.

Weiß: ich                      Schwarz: ER

1.e4  c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.c3 ?! ( psychologisch erzwungen) dxc3 5.Sxc3 e6 6.Lc4 a6 7.a4 d6 8.0-0 Sge7 9.Sg5

                                                                                           

 

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Quickie mit Caissa

Im Sommer 1975 fuhren wir ( 6 Studenten der Uni Düsseldorf) nach Stuttgart, um gegen die dortige Uni-Schachabteilung einen Vergleichskampf auszutragen .Unser Obmann , Mediziner und Patzer in Personalunion, hatte den dicken Mercedes seines Vaters organisiert und chauffierte uns bei brütender Hitze und atemberaubender Geschwindigkeit über die Autobahn. Die Gedanken ans Überleben beschäftigten uns mehr als die übliche Angst vor den Schachkünsten unserer Gegner.

Wir stiegen aus , blaß, hungrig, fix und fertig. Ein geräumiges Lokal mit separatem Gesellschaftsraum(Turniersaal) empfing uns ebenso wie die freundlichen Gastgeber, die schon alles vorbereitet hatten .Als der Mannschaftsführer der Schwaben  gerade zur Begrüßungsansprache ansetzen wollte, hob unser Rennpilot leise die Hand und erbat eine 15 minütige Verschiebung des Kampfes, damit wir noch etwas essen konnten.Stattgegeben. Pommes, Schnitzel,Salat etc , es gab keine Kompromisse.Es war die pure Not. Dann allerdings, die Servietten noch mit Restmayonnaise getränkt,stellte sich eine satte Erschöpfung ein, die wohl als „Freßnarkose“ zusammengefaßt werden kann.

Die Gegner nahmen Platz und schauten begierig (ungeduldig?) in den Speiseraum, wo plötzlich unser Obmann ein Tütchen aus seiner Medizinerjacke hervorzauberte.“Wenn ihr wollt, ich habe hier ein paar Aufputschmittelchen, AN 1, ausnahmweise, das belebt „. Wir griffen einfach zu und warfen die Pillen en passant in unsere Kehlen. Der Kampf konnte endlich beginnen.

Mein Gegner gab mir freundschaftlich die Hand. Wir wünschten uns „eine spannende Partie“ und vor allem „viel Spaß“.

Heiming (Düsseldorf) – Schwab (Stuttgart)

1. e4 e5 2.Sf3 d6 3.d4 Sf6 4.dxe5 Sxe4 5.Lc4  ich bemühte mich , langsam zu spielen, um die Hilfe meines „Sekundanten“ schon frühzeitig erleben zu dürfen. 5…c6 6.exd6 Lxd6 7.0-0 0-0 8.Dd4 eigenartigerweise fühlte ich mich recht wohl, obwohl ich diese Stellung noch nie auf dem Brett hatte. Ich lächelte unserem Medizinmann freundlich zu, der – aus irgendeinem Grunde – zufrieden nickte. 8…Te8 9.Sbd2 Sc5 10.b4 Se6 11.Lxe6 Lxe6 12.Lb2 f6 13.Tad1 Dc7 14.Se4

14…Lf8 

Schon einige Züge vorher ratterten mir diverse „Schnellzüge“ durchs Gehirn, die in für mich ungewohnter Manier geschmeidig und elegant – jeden Crash vermeidend – in unglaublicher Klarheit ihre Strecken absolvierten. Ich war hellwach, alles schien transparent, einfach, es rechnete und tickte in mir , ohne das von mir gewohnte Chaos, ohne das Verheddern im Variantengestrüpp, das oft genug meine Züge entgleisen ließ. Nie war ich vor Ende der Partie jemals glücklich gewesen, jetzt jauchzte ich innerlich und hätte am liebsten einen geistigen tabledance vollführt. Ich war mir so wohltuend fremd, dass es mich schauderte…

15.Dxf6!!   (die Ausrufungszeichen sind rein subjektive Erinnerungswertungen).Ich schwebte gen Schachhimmel. Meine Euphorie trieb mich völlig angstfrei in die Arme CAISSAS, wo ich – Medikamente wirken auf mich sehr stark, weil ich sie selten nehme – mit offenen Armen empfangen wurde. Die Muse hatte mich nicht nur geküßt, sie war mit mir schnurstracks ins Bett gegangen…15…gxf6 16.Sxf6+ Kf7 17.Sg5+

 Kg6  Schmunzelnd hatte ich auf 17…Ke7 gehofft, um dann mit 18.Sg8+ Lxg8 19.Te1 + nebst Matt fortzusetzen.18.Sxe8 De7 19.Sxe6 Dxe6 20.Sc7 Dxa2 21.La1 Sa6 22.Sxa8 Lxb4 23.Td7 nun gut: Weiß hat 2 Türme für die Dame und „mannigfaltige Drohungen“, doch irgendwie macht sich leichte Ernüchterung (Müdigkeit?) breit. Die Wirkung der Pille läßt nicht nur allmählich nach, sondern eine bleischwere Müdigkeit bricht sich irgendwie Bahn. Mir fällt nicht viel ein, verdoppele die Türme auf der 7.Reihe oder später auch mal auf der g – Linie, völlig konfus bestelle ich mir einen Kaffee. Doch…

Irgendwie habe ich die Partie, die zwischendurch remislich, dann sogar eindeutig für mich verloren war, gewonnen.Ich erspare mir und dem Leser die beiderseitigen schnöden Patzerzüge, die noch folgten.Was bleibt , ist die Erkenntnis, dass Drogen im Schach lächerliche Hilfsmittel sind, und dass eine hingebungsvolle Verehrung der Göttin Caissa mehr zählt als ein schnöder Quickie…

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Michail Tal in Duesseldorf 1975

„Michail Tal kommt im September zum UZ-Pressefest nach Duesseldorf „

Diese Nachricht ließ mich 1975 am Tisch meiner WG aufjauchzen. Mein Vorbild, dessen Partien ich jahrelang feinsäuberlich gesammelt und mehrmals staunend nachgespielt hatte, schickte sich an, nach Duesseldorf zu kommen, um dort zwei Simultanveranstaltungen auf den Rheinwiesen zu geben.

Meine linkslastigen Freunde, die mich bei Bedarf jederzeit in die Ecke drängen konnten, in dem sie meine Klötzchenschieberei als „kapitalistisches Kriegsspiel“ brandmarkten, nahmen diese Zeitungsnachricht gelassen zur Kenntnis. Für sie war das angekündigte Erscheinen von den Politbarden Degenhardt, Kittner und Wader natürlich wesentlich interessanter.

Dennoch, die Aussicht mit ihnen gemeinsam das große Fest zu besuchen ( jeder auf seine Art) unter dem großen Banner des Sozialismus, das hatte seinen linksromantischen Charme.

40 Amateure säumten die Tische in dem großen Schachzelt jenseits des Rheins. Da ich mich als erster angemeldet hatte, saß ich an „Brett 1“, d.h. am ersten Tisch der Manege. Als alle Plätze besetzt waren, erschien der Exweltmeister M.Tal in Begleitung eines Organisators , der eine kurze Ansprache hielt. Im Hintergrund, blass, hager, graubetucht, stand etwas verlegen ein junger Mann, der vom Redner ebenfalls vorgestellt wurde: Oleg Romanishin, frischgebackener Großmeister. Höflicher Applaus, kaum einer kannte ihn.

Der Zauberer aus Riga begrüßte Brett 1, ich erhob mich , machte einen „Diener“, vergaß völlig die Ablehnung meiner „guten Erziehung“ , und notierte 1.e4.Dann schaute ich versonnen meinem Idol hinterher, wie es die 39 anderen Bretter bediente.

In schneller Folge, zielsicher und souverän, erledigte Tal seine ersten Runden, ohne dass sein Rhythmus außer Tritt geriet. Nach etwa 2 Stunden jedoch hielt er plötzlich inne, als er mein Brett betrachtete. Er beugte sich vor, stützte seinen rechten Ellenbogen , Kinn in Hand, auf die Tischplatte und zögerte…

Sofort huschten einige Kiebitze herbei, die ein Drama witterten, oder gar einen schlimmen Unfall, den sie unmittelbar bezeugen könnten. Irgendetwas schien der Meister übersehen zu haben, der hastig an seiner Zigarette zog ( das machte er wohl auch in klaren Gewinnstellungen). Ich paffte entschlossen meine HB und hielt dagegen…

Schließlich entschied sich Tal für einen überraschenden Springerrückzug, der mir nicht erklärlich schien und schritt zum nächsten Brett. „Du stehst auf Gewinn“, flüsterte plötzlich eine aufgeregt-heisere Stimme hinter mir. Ich schraubte mich nach hinten, wo ich den Flüsterer sofort erkannte, Ein starker Düsseldorfer Spieler, der in der (damaligen) Bundesklasse spielte. Er sah wohl mein ratloses Gesicht und fuchtelte immer heftiger irgendwelche „Gewinnvarianten“ durch mein Gesicht. Je weiter sich der Meister entfernt hatte, desto eindringlicher die Appelle des Lokalmatadors, erst … a5, dann Td8 und dann Kh7 zu spielen mit klarem Endspielvorteil etc. Ich schlug immer wieder den Unteram des „Sekundanten“ nach oben, um mir freie Sicht aufs Spielfeld zu ermöglichen, doch dann stand da pötzlich wieder der Meister. Ich zog ohne Nachzudenken …a5, Tal antwortete postwendend Kh2 und wanderte weiter. „Siehst du, Siehst du, was hab ich gesagt?“ – „ihm fällt nichts mehr ein“ tönte triumphierend mein Berater, „jetzt noch schnell Td8, dann kann er einpacken“. Ich war fassungslos. Die Partie war mir – nachdem ich „auf Gewinn stand“ – völlig entglitten. Ferngesteuert von diesem unseligen Besserwisser verlor ich völlig mein Gleichgewicht.

Nach etwa 4 Stunden gab Tal auf, reichte mir freundlich-schmunzelnd die Hand und lächelte anerkennend.

Meine Scham war kaum zu bändigen..

Ich stand benommen auf und lief und lief  …meinen treuen WG-Freunden in die Arme, die mich mächtig feierten…

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Am Krankenbett des Fernschachs

– ein paar ketzerische Gedanken –

Die  gute alte Zeit des Postkartenfernschachs habe ich nur als Zaungast erlebt. Anrufe mitten in der Nacht , die mich aufschrecken ließen, durfte sich nur ein Schachfreund erlauben, der nicht nur Nahschach in Nah und Fern , sondern auch  Fernschach leidenschaftlich betrieb.

Es ging mir sehr nah, zumal ich sehr anfällig war für ?unglaubliche Varianten?, die der  engagierte Telefonanalytiker nach stundenlanger Arbeit herausgefiltert hatte. Nur zur ?schnellen  Überprüfung? ? (? vielleicht habe ich einen groben taktischen Witz übersehen?)

nötigte er mich regelmäßig aus meinem Schlafgemach ins Schachzimmer, wo ich seine

diversen Partiestellungen  wie in einem Museum aufgebaut hatte.

Er hatte mich in einer Bierlaune mal zum SEKUNDANTEN ernannt, was  ich schmunzelnd

und ein wenig stolz ( er war ein recht starker Spieler) wie einen Ritterschlag  aufnahm.

 

Kurzum: Ich hing irgendwie mit drin. Wochenlang warteten WIR auf Post aus der Sovietunion ( die  – da waren wir uns sicher ? einige Großmeister als Sekundanten beschäftigten), ich hörte mir die Jammereien über inkorrekt eingetragene Bedenkzeiten der Gegner an,  und dann irgendwann, wenn ich mich  längst meinen Nahschachambitionen wieder zugewandt hatte, schrillte morgens um 3.30 Uhr das Telefon?

 

Vorbei sind diese ? anstrengenden ? Zeiten. Nur noch wenige Fernschächer reißen ihre Fenster auf, um  aus der Ferne den herannahenden Postboten frühzeitig zu entdecken.

Wer läuft heute noch schweißgebadet zum Briefkasten, um den offensichtlichen Fehlzug, den man leider eingeworfen, aber noch nicht ganz abgeschickt hat, dem Postkastenleerer abzuschwatzen (?Entschuldigung, es geht um Leben und Tod?). Vorbei die philatelistischen

Austauschaktivitäten, die Pinzetten liegen nicht mehr neben dem Analysebrett?

 

Und heute?

 

Ich spiele seit einigen Jahren selbst Fernschach. ( ohne Sekundanten).

 

Allerdings habe ich einige Mitarbeiter eingestellt, die als ENGINES  Tag und Nacht für mich arbeiten. Immer wieder nehme ich Neueinstellungen vor, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Nachdem Fritz 8 ( ich duze meine Mitarbeiter) lange Zeit vortrefflich analysiert hatte, musste ich ihn durch einen jüngeren ( menschlicheren!) Analytiker ersetzen. Meine Aufgabe ist es,

die Augen offen zu halten, um immer das Optimum zur Verfügung zu haben.

 

Mein schönes Holzschachbrett  habe ich dem hiesigen Schachverein geschenkt. Briefmarken sammelt heute nicht mal mehr mein Sohn?

 

Hoch lebe das altehrwürdige Nahschach!

 

 

 

 

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Hommage an Woody Allen

Bei der stundenlangen Überlegung, wie denn mein b l o g g

gennant werden möchte, hörte ich schließlich auf zu sinnieren, braute mir einen Senseo-Kaffee zusammen, setzte mich in den ohrenlosen Sessel und starrte erschöpft ins Leeere (Fernsehen).

Irgendwie kam mir plötzlich Woody Allen in den Sinn, den ich immer  um seine hochdotierte Melancholie beneidet habe. Woody Allen, der Perfektionist, der leidenschaftlich unzufriedene N E U R O T I K E R  ließ mich schenkelschlagend -entschlossen wieder an den Pc zurückkehren.

Nach wenigen Handgriffen fand ich das Interview, das er der Zeitschrift GALA im letzten Jahr gegeben hatte, wo er über Schach und Liebe gesprochen hatte:

Gala: Was haben Schach und Liebe denn gemeinsam?

Allen: Auf den ersten Blick nicht besonders viel. Auf den zweiten Blick gibt es da schon Parallelen. Wenn man so will, sind Sex und Liebe eine Art Kunstform. Wie ein Künstler strebt man sein Leben lang nach Perfektion und scheitert immer wieder. Wir haben diese Vorstellung von der perfekten Liebe, die wir nie erreichen werden. Ich bin mit einer Frau ins Bett gegangen, und es war fantastisch. Aber schon kurz darauf dachte ich: Das kann doch nicht alles gewesen sein. Es muss etwas noch Besseres geben, noch besseren Sex. Und so geht es immer weiter und wird zur Obsession. Denn Sex scheint wie das Weltall zu sein: Unendlich. So kann man sich sein Leben lang damit beschäftigen und am Ende zu der Überzeugung gelangen, dass man einiges, aber eigentlich doch nicht viel darüber weiß. Jedem Künstler oder Schachspieler wird es ähnlich ergehen. Diese Erkenntnis hat doch etwas Deprimierendes, oder?"

Genau! Das sind  die Sorgen und Begrenzungen des Schach- und Liebesamateurs, die den Nährboden für satirische, kabarettistische, kurzum für höchst unterhaltsame Betrachtungen bieten.

Als leidenschaftlicher Amateur möchte ich in diesem Sinne – im Allenschen Sinne –  die Liebe (zum Schach) und die daraus enstehenden kuriosen Auswüchse kommentieren…

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