F E R N S C H A C H

Schach im Netz erfreut sich großer Beliebtheit, auch eine positive Auswirkung der Pandemie. Die Schachfreaks, die sich in ihrer Randsportecke schon seit vielen Jahren eingerichtet hatten, erleben eine Euphorie , die sich allerdings hauptsächlich in den Medien abspielt. Der gemeine Schächer hat sein Spiellokal schon lange nicht mehr von Innen gesehen , abgesehen von einigen ambititionierten Versuchen der Vereinsorganisatoren, entsprechende Schutzvorkehrungen zu installieren.Natürlich ist Onlineschach eine attraktive Alternative, die keiner missen möchte. Doch wie jeder weiß, ist die Gefahr des Cheatens allgegenwärtig , Fluch und Segen der übermächtigen Maschinen.
Wenn ein Gegner mit schwacher DWZ mit gutem Spiel gegen mich gewonnen hat…Wenn ich überraschend gewinne und dazu noch mit einer herzerfrischenden Kombination, die auch ein Amateur schon mal hinkriegt, ja dann…Vertrauensvorschuß ist ausverkauft!Also bleibt – für mich – nur das vermaledeite Bullet-Schach mit 1 Min Laufzeit , um sicher zu gehen, dass wohl jeder Cheater letztlich durch Zeit verlieren würde. Natürlich sind die Partien kaum mit normalen Turnierpartien vergleichbar – und das ist gut so.
In zigtausend Partien habe ich sowohl skurrile Eröffnungen, wie auch ebenso skurrile Kommentare von Kombattanten erlebt. Die erste Lektion , die man erlernen sollte, ist wohl Grundvoraussetzung, um dieser „Sportart“ treu zu bleiben. Sie lautet: Sei nicht beleidigt, wenn du beleidigt wirst:“(Bravo Engine!“ – „Antischach!“ „Lagger“ – „Run away chicken“„Looser“ (noch keiner hat es orthografisch präzisieren können).
Das ist der Preis, wenn du mit „Glück“ gewonnen hast. Ich schweige dezent
Wer permanent ein Rematch verlangt, bis er endlich mal eine Partie gewonnen hat, der verdient, ebenfalls ignoriert zu werden.
Viel schöner sind Kommentare, die zu Herzen gehen.“Bitte kein rematch verlangen, ich möchte erst meine Partie analysieren!“ oder:“Danke vielen Senior für Schach mat mit respekt“.Leider gibt es viele Spieler, die ihren Namen und auch ihre Herkunft nicht veröffentlichen. So rätsel ich manchmal, wer so nette Sätze schreibt.
Nach des Tages Last und Müh ist Bullet auch eine Mülldeponie, wo man seinen (Seelen)-Müll abladen kann. Ein paar „glückliche“ Siege gegen vermeintlich Stärkere , eine geglückte Flucht mit dem nackten König im Zickzack durch die Felder, allen Schüssen (Bullets) ausweichend, ins Remis gerettet durch Zeitüberschreitung des Jägers oder durch Patt, das baut auf, das ärgert den Gegner, das tut gut.
Hier ein Beispiel, in dem der „Jäger“ seinem Ärger nicht Luft macht, sondern – wie ein Gentleman- schweigt .
Wer sich für die Droge Bullet Schach interessiert und Urlaub vom „normalen“ Schach nehmen möchte, dem empfehle ich das unterhaltsame Buch von Hikaru Nakamura and Bruce Harper „Bullet Chess“ One Minute to Mate
Wer meine DWZ runterprügeln möchte , kann mich gerne herausfordern.Bei schach.de Künstlername : habäidä . Für jüngere Eleven: Der Name ist eine Verbeugung vor Vlastimil Hort, der in den Sendungen mit Helmut Pfleger gern kommentierte ( Habe Idee!)
„ Ich brauch keinen Scherong , das Turmendspiel ist klar gewonnen.“
Mit dieser schroffen Reaktion watschte unser Spitzenmann den Spieler (Brett 7) ab, der seine Hängepartie vom Vereinsmeister analysieren ließ und sich dazu hinreißen ließ, darauf hinzuweisen, dass er den Cheron in seinem Schachbuchbestand habe, der damals – wir sind in den 80 er Jahren – die Endspielbibel schlechthin war.
Der Mannschaftskampf endete vorübergehend mit 3,5 : 3,5 und nun – nachdem die Partie von Neumann (Name geändert) nach 40 Zügen abgebrochen wurde und eine Woche später fortgesetzt werden sollte. Sein Abgabezug wurde vom Meister nur leicht getadelt („ Na ja , immerhin macht er nix kapputt“). Ein kompliziertes Turmendspiel blieb als Rest, das unbedingt gewonnen werden mußte, um die Aufstiegschancen zu wahren.
Der Meister diskutierte mit 2 Mannschaftskollegen (Brett 2 und 3), die zum engeren Kreis gehörten, jedoch nur wenig von ihrem Mitspracherecht Gebrauch machten. Neumann stand neugierig und erschöpft in gebührendem Abstand und lauschte den Ausführungen desMeisters, die er zu verstehen suchte. Zwischenzeitlich drehte der Zampano sich ruckartig zu ihm um , hob drohend den rechten Zeigefinger und ermahnte ihn:“ Und auf jeden Fall, bleib im Quadrat! Kein Turmtausch, bleib ganz ruhig.Du stehst positionell auf Gewinn!“ Die Sekundanten nickten beifällig , fixierten den Lernenden und fingerten illustrierend übers Brett. Plötzlich erschien Schachfreund Schuster (Name der Redaktion bekannt) aus dem hinteren Feld und mischte sich ein (Bierflasche in der Hand):“ Turmtausch gewinnt sofort, Neumann kann durch einen Dreiecksmarsch die Opposition gewinnen, und der Fisch ist geputzt. Ohne Turmtausch kann er nicht gewinnen.“ „Unsinn!“ brüllte der Meister, der nun aufsprang und seinen Stuhl nach hinten stieß. „ Ihr habt wirklich keine Ahnung. Ich habe schon in der NRW – Liga gespielt und war auch dort sehr angesehen als Endspielspezialist. Schuster bleib bei Deinen Leisten. Wo spielen Sie nochmal? Bezirksklasse oder Kreisklasse?“
Unruhe kam auf. Auch andere Spieler mischten sich ein. Es kam zu einem heftigen Streit zwischen den „Königstreuen“ und dem Patzervolk.
Neumann war völlig verwirrt und ging ratlos und benommen nach Hause. Er verbrachte die Abende bis zur Wiederaufnahme der Partie an seinem Analysebrett, nahm auch den Cheron zur Hand, suchte krampfhaft nach ähnlichen Stellungen, wurde nicht fündig – und verließ sich letztlich auf sein Schachverständnis und sein Positionsgefühl.
Die ganze Woche nagte an ihm, er schlief schlecht, war gereizt – und sehnte sich nach dem Abschluß der ganzen Geschichte.
Sein Gegner begrüßte ihn freundlich, die Umschläge wurden vom Turnierleiter geöffnet und kontrolliert. Die Uhr des Gegners wurde in Gang gesetzt. Neumann holte sich einen frischen Kaffee von der Theke und ging entschlossen zu seinem Tisch. Er vergewisserte sich, dass er genügend Proviant in seinem Rucksack eingepackt hatte: Ritter Sport Nuss, 2 Bananen , 1 Würfel Dextro Energen (für alle Fälle) und 2 Wurstbrote in der Metalldose.
Sein Gegner dachte immer noch nach, war vielleicht von Neumanns Abgabezug überrascht – oder tat er nur so? Schach ist Poker, ist auch manchmal Bluff . Neumann hatte den Abgabezug auf seine Art gemacht: Er hatte das Partieformular in der Mitte gefaltet , seinen Stift genommen und sich umgeschaut, ob denn die Umstehenden auch die vorgeschriebene Diskretion einhalten und sich wegdrehen. Dann schrieb er Ta5 , das heißt er hatte das T nur fingiert, nur als Luftlinie einen Strich nach unten und dann den oberen Balken hinzugefügt. In Wirklichkeit hatte er einen Bauernzug eingetragen in der Hoffnung, dass irgendein Schlaumeier ihn doch aus dem Augenwinkel beobachtet hatte.
Sein Gegner zog nun endlich, bot den Turmtausch an und – bot gleichzeitig Remis an!
Neumann —- —– nahm an.
Einmal im Jahr ist Gartenturnier in meinem Heimatverein (Uedemer Schachklub), wo sich diesmal auch wieder ca 30 Schachfreaks einfanden. Zu meiner Freude traf ich dort auch wieder den Ex – Vereinskameraden Stefan R. In der 8.Runde trafen wir dann tatsächlich auch sportlich aufeinander. „Das muß festgehalten werden“ tönten wir unisono und baten einen Sportkameraden, der in der Nähe war, diesen „historischen Augenblick“ fotografisch festzuhalten. Ich reichte ihm mein Smartphone. Er setzte seinen mehrfach benutzten Bierkrug ab und hantierte mit dem Gerät. Stefan und ich schüttelten einander längere Zeit die Hände – wie bei Staatsbesuchen – und warteten lächelnd auf den Schuß. Klack ! „Na hat doch geklappt“ Wir bedanken uns herzlich .Prost!
Ich gehöre zu den Schachsenioren, die im Laufe ihrer fast 50 jährigen Karriere eine Unmenge an Schachbüchern und natürlich auch CDs und DVDs angestapelt hat. Schwerpunkt Eröffnungen.Als Adoleszent immer auf dem Sprung eine vorbereitete Eröffnungsfalle (Snosko – Borowski) auszupacken, später – gereift (?) ein solides Programm zu lernen, um die Anfangsphase ohne größere Positionsmängel zu überstehen. Quantitativ bin ich Virtuose, habe fast alles ausprobiert und bin immer noch auf der Suche nach meinem ultimativen Eröffnungsprogramm. Was ich allerdings nie in Erwägung gezogen habe, ist die ENGLISCHE Eröffnung, die ich beidfarbig zutiefst verabscheue.
Alle Versuche (als Schwarzer) abzutauchen in einen Altinder oder auch in nebulöse Holländisch – Variationen scheiterten immer wieder an ungenügendem Positionsverständnis, während meine Gegner leichtfüßig ihr Programm abspulten. Ob Turnierpartie, Blitz, Fernpartie oder Bullet, ob Einzelmeisterschaft oder Mannschaftskämpfe …Achillesferse gerissen.
Vor einigen Jahren erfuhr ich den wahren Hintergrund für diese traumatische Behinderung:
Als Buchhändler in einer kleinen Gemeinde, der nebenbei auch Kulturveranstaltungen in seinem Laden organisiert, hatte ich 2017 den Kabarettisten MARCO TSCHIRPKE zu einer musikalischen Lesung überreden können („Frühling,Sommer,Herbst und Günther“). Die Gäste und auch ich waren von seinem Wortwitz und seinen humoristischen Pianoeinlagen restlos begeistert und der vortreffliche Wein rundete das offizielle Programm angemessen ab.
Nun hatte der Künstler beim Apres – Kartoffelsalatessen ein Bild an der Wand entdeckt, das den Schachneurotiker darstellt. Angenehmes Geplauder über Schach und Kunst und Wahnsinn und Genie und weißderteufel , wer kann sich noch erinnern? Tschirpke jedenfalls wollte unbedingt eine Partie mit mir spielen („mit einem richtigen Schachspieler“!) Wir bewegten uns in mein „Schachzimmer“, wo ein antiker Schachtisch – allzeit bereit – stand. Wir saßen uns in bequemen Clubsesseln gegenüber , wie ich es nur aus alten Schwarz-Weiß – Filmen kenne. Es fehlte lediglich der Kamin und Tabakdunst… Wir spielten 2 Partien und parlierten über die wichtigen Dinge des Lebens und lachten entsprechend…Fazit: Er spielte recht gut, jedenfalls besser als ich am Klavier.
Nun kommen wir zum eigentlichen Thema.
Tschirpke schob leise die Figuren ineinander und stellte plötzlich eine glasklare Frage:“ Kennen Sie eigentlich die ENGLISCHE ERÖFFNUNG ?“Oh, ich erschrak. „ Ja, ein wenig , spiele sie allerdings nie!!Da stand er auf einmal auf , nahm Haltung an und sprach:
ENGLISCHE ERÖFFNUNG An einem Juninebeltag Sind über die Atlantikwogen Bei sanftem Wind und Wellenschlag mit Kurs Quebec dahingezogen Drei gut französische Fregatten, Die ihr Geschwader verloren hatten. Dann teilt die Trübe sich.Es bricht Der Nebel auf wie in zwei Wände. Es öffnet strahlend sich die Sicht Aufs ozeanische Gelände. Und plötzlich liegt ganz klar und nah Die ganze englische Flotte da. Nun ja, man trifft sich nicht nur gern. Denn George und Louis zeigen gleiche Besitzbegier nach jenem fern und nahen Vizekönigreiche. Man grüßt knapp nach den Anstandsregeln Und will ansonst vorübersegeln. Da – Linienschiff für Linienschiff Dreht bei und zeigt die breite Seite, Als ob ein Artillerieangriff Im Todesernst sich vorbereite. Der Kapitän von der „Alcide“ Er denkt: Ich denke, es herrscht Friede. Doch ist es wahr: geraume Zeit Sind wir auf See, fast vierzehn Wochen, Am Ende ist Feindseligkeit Zu Haus inzwischen ausgebrochen. Er greift zum Sprachrohr: Haben wir Krieg oder Frieden, Kavalier? Dort, achtern auf der „Dunkirk“,steht Der Kapitän auf seinem Flecke, Schreit:Frieden, Frieden, Sir! Und dreht den Trichter zum Kanonendecke und fügt in echt altenglischer Ruh Das Kommando: Feuer! Hinzu. Der Krieg, der siebenjährige, so ging er an, von diesem Platze. Und jeglicher seitherige Eröffnet mit demselben Satze. Man lädt. Und einer brüllt vom Steuer: Frieden, Frieden – Feuer! (Ergänzung: Fand statt im Juni 1755. Die drei französischen Kauffahrer hießen die „Alcide“, die „Lys“ und die „Royal Dauphin“) zitiert aus: Peter Hacks „Hundert Gedichte“ - Eulenspiegel Verlag
Der Schachbrettfalter gehört zu einer ein besonders schützenswerten Art .So ging es heute durch die Medien. Doch ist er tatsächlich noch gefragt? Mir scheint, das Berufungssterben hat schon bald den erfahrenen Schachbrettfalter erreicht.
Schaut man sich in den einzelnen Vereinen um, sieht man fast nur noch faltenlose Bretter . Nur noch wenige tiefklassige Recken frönen noch dem Spielbrett, das nicht nur zwei Grundreihen hat, sondern auch eine Mittellinie, die durch eine Falz kenntlich gemacht ist.
Es bleibt die große Sorgen , dass diese Schachbretter vom Turniergeschehen völlig verschwinden, wie auch in absehbarer Zeit die mechanischen Uhren. Ganz zu schweigen von den Partieheften, die betagte Spieler früher zum Eintragen ihrer Glanzpartien in der Glasvitrine ihres Studierzimmers aufbewahrten.
Auch die Kiebitze werden immer seltener . Hängen häufig nur noch im Netz herum …
und schweigt sich an. Lediglich das mechanische Bewegen von Holzfiguren und das schriftliche Protokollieren derselben bilden eine kommunikative Brücke.Ein wildfremder Mann mittleren Alters, den ich bislang nie gesehen habe ,hockt wie ich am 8.Brett des Mannschaftskampfs. Die erste Frage , die sich mir stellt:“ Ist er ein Schwächling oder etwa ein „Joker“ , der nur in wichtigen Kämpfen eingesetzt wird, um einen sicheren Punkt einzufahren? Ein flotter Blick auf die Spielberichtskarte unseres Mannschaftsführers nimmt mir deutlich diese Sorge. Er ist wohl meine Kragenbreite…
Nach einem geräuschlosen Shakehands , ohne das handelsübliche „Wünsche eine schöne Partie“ kann das Abenteuer beginnen.
Da ich vor jeder Partie unangemessen nervös bin, zudem noch auf der Fahrt zum Spiellokal durch eine Baustellenumleitung in eine ungewohnte Prärielandschaft gezwungen wurde und dadurch fast zu spät eingetroffen wäre, versuche ich erstmal wieder zur Ruhe zu kommen. Mein Widerpart ist die Ruhe in Person. Er schreibt fein säuberlich die notwendigen Infos aufs Partieformular, schaut auf die Uhr, um das exakte Datum zu notieren und legt dann seinen Stift akkurat zur Seite. Ich vermute, dass der Opponent ein penibler Beamter ist, der sehr stark von Vorschriften geleitet wird. Kaum vorstellbar, dass der ein Gambit spielt, vielleicht mit leichter Überwindung das Damengambit…
Die Sorgfalt und Bedächtigkeit des Spielpartners läßt auch mich allmählich entspannen, zumal die Zugfolge in meinem vertrauten Schottisch einen angenehmen Auftakt darstellt. Wenn ich in „meine“ Lieblingseröffnungssysteme gelange, dann empfinde ich angenehme Heimatgefühle, in denen ich mich zuhause fühle am warmen Ofen sitzend mit Blick auf gesunde (Varianten-) Bäume.
Da ich nicht nur die Holzaktionen auf dem Brett verfolge, sondern auch den Gegner zwischenzeitlich ins Visier nehme, entgeht mir auch nicht, dass er nach seinem Zug immer wieder mal die Augen schließt. Kaum habe ich geantwortet, ist er wieder auf Sendung und betrachtet sorgfältig die neu entstandene Sachlage. Ich bin leicht irritiert, dass er selbst in verschärfter Krisensituation noch die Ruhe findet und die Augen schließt. Ich zittere innerlich, da ich wieder mal mit den Zündhölzern gespielt habe und leichte Panik aufkommt, ich könne selbst in den Flammen umkommen. Meinen nächsten Zug setze ich etwas fester aufs Brett, um eine Art Wirkungstreffer zu setzen. Die Zeit der Meditation und der Versenkung ist jetzt doch wohl vorbei, denke ich… Er taucht auf und beugt sich vor , und zum ersten mal sehe ich so etwas wie Anspannung oder gar Furcht!?
Seine Körperspannung ist auf einmal spürbar. Schließlich nach Abwägen aller Möglichkeiten macht er einen Zug, notiert diesen wie gewohnt in kalligraphischer Manier und schließt die Augen.
Jetzt heißt es den Knockout anzusetzen. Ein Turmopfer – bislang nur schemenhaft angedacht – scheint nun tatsächlich die Entscheidung zu bringen. Ein Blick zur Uhr: Ich habe noch 20 Minuten für 11 Züge, also lieber noch mal in Ruhe nachdenken. Mein meditativer Beamter , hoppla – hat nur noch 5 Minuten. Und nun. Ich höre wohl nicht recht. Doch. Ich höre richtig. Mein Gegner schnarcht. Er schnarcht so laut, dass auch die Spieler der oberen Bretter die Köpfe recken . Ich bin sprachlos. Ein Mannschaftskamerad des Schläfers pufft mit dem Handrücken den Oberarm seines Kollegen, der – nur leicht irritiert – die Partie fortsetzt.
Auf dem Weg zur Toilette frage ich meinen Mannschaftskollegen, wie die Bundesturnierordnung einen solchen Fall beurteilt. „Ich bin mir nicht sicher“, sagt er.“ Ich vermute, die BTO sagt, dass man bis zu einer Anstupstiefe von 2 cm den Spieler aufmerksam machen darf!“
Wie schon seit vielen Jahren in treuer Tradition fuhr ich auch diesmal zum INTERNATIONALEN GOCHER OPEN, das zum 27.Mal ausgerichtet wurde. Erklärtes Ziel : Langsam das Schachgift ausschleichen und die „Schachbühne“ nur noch sporadisch betreten. Die Mißerfolge der letzten Monate in Verbindung mit der notwendigen Einsicht, dass Kraft, Konzentration und Ideenstärke im Alter zwangsläufig nachlassen und der bisherige Zeitaufwand für diese Droge in keinem Verhältnis zu den mageren Ergebnissen stehen, ließen mich die Reißleine ziehen. DWZ klar unter 1900 , ELO unter 2000 . Und dann noch im letzten Gocher Open die Krönung: ein 118.PLatz bei ca 160 Teilnehmern.
So startete ich recht vergnügt und „ergebnisoffen“ die 1.Runde, um noch einmal die vortreffliche Atmosphäre und die optimalen Bedingungen zu genießen.Im Vordergrund das Treffen von alten Bekannten, das notwendige Gewitzel mit den Turnierleitern und natürlich das Geschwafel von einem angestrebten Mannschaftspreis mit meinen Kumpanen aus dem Uedemer Schachklub.
Im Aufgalopp gegen einen schwächeren Gegner fiel mir recht schnell eine feindliche Figur in die Hände und dann auch noch sein König. Nächster Gegner der starke Däne Tommy B.Schmidt, gegen den ich chancenlos herumstocherte bis ich endlich aufgeben durfte. Als Belohnung dann wieder eine lösbare Aufgabe, die ich zwar holprig, dann aber doch irgendwie erledigte. In der 4.Runde hatte ich es mit Patrick Terhuven (Krefeld) zu tun, der mit jugendlicher Frische in aller Coolness meine kleinen taktischen Pseudodrohungen negierte und seinen sehr weit entfernten Freibauern auf die Reise schickte und mühelos gewann.
Mit 2:2 Punkten war ich auf gewohntem Kurs : Billige Siege gegen Schwächere , Chancenlosigkeit gegen Stärkere.
In der 5.Runde endlich ein Spielpartner in meiner Augenhöhe : Egon Klaus (Viersen ). Mit Weiß werkelte ich ein wenig herum, um auf Umwegen doch noch mein Französisches Flügelgambit aufs Brett zu bekommen. Nach 28 . Dd2 entstand diese Stellung:
Droht natürlich vordergründig die Eroberung des schwarzen Bauern b7 mit anschließendem Gewinn des Bauern a6, ohne dass Schwarz sich auf c3 bedienen kann. Mein Ex – Mannschaftsführer Uwe H. betrat in dieser Situation die Kampfzone. Dies beflügelte meine Rechnerei und Kombinationslust. Nimmt Schwarz nun auf h5, dann wollte ich mit Lxh6 + eindrucksvoll den Sieg einfahren. Mir schwoll der Schädel , zumal ich nicht so recht erkennen konnte, wie ich die geopferte Figur zurückgewinnen kann oder ein Matt erzwingen könnte. Nach einer halben Stunde wars dann soweit: Es folgte wie erwartet
28… Lxh5. Schon wollte ich zum schnöden Sxb7 zurückkehren, da riß ich mich zusammen, erinnerte mich an meine „Abschiedstour“ und rasselte den Läufer nach h6.
Also 29.Lxh6+ Sxh6 . Ansonsten verliert Schwarz durch Abräumen der Bauern.
Jetzt muß Weiß den Beweis antreten, dass auch ohne Figurenrückgewinn die Kombination korrekt ist. Die meisten „schönen“ Kombis meiner Laufbahn waren komplett hirnrissig und vor allem in den letzten Monaten schon fast peinlich anzusehen. Eigentlich hatte ich mir nach der DVD – Lehrstunde mit NIGEL DAVIS , der dem älteren Schachfreund dringend empfiehlt, einfache Eröffnungssysteme und vor allem langweilige , ruhige Stellungen anzustreben, um gegen jüngere (theoriegewaltige) Spieler bestehen zu lönnen.(„How to beat younger Players“) geschworen, diesen Tipps zu folgen. Nur dann könne der Alte mit seiner Routine und seinem besseren Schachverständnis erfolgreich sein?! Ich bin da skeptisch…Gerade in „ruhigen“Stellungen zeigt sich m.E., wie überlegen die heutigen Traingsmethoden der jungen Spieler oft sind. Wer in Goch das Bühnengeschehen verfogt hat, der sah fast nur Kinder und Jugendliche dort sitzen, die keineswegs als Heißsporne auf ihre Gegner losgingen.
Zurück zur Partie: 30. Dg5 + . Um sich auf den Beinen zu halten, versucht Schwarz die Figuren zusammen zu halten.
Also 30…Lg6 . Nun kann die Chose nur noch mit dem Joker Sc5 beendet werden.
Nach 31.Se6+ klammert sich der schwarze König sicherlich an den Randspringer, so dass – optisch gesehen – nur 2 Angreifer gegen 4 Verteidiger übrig bleiben. Doch die beiden Rappen stehen sich irgendwie im Wege, verstopfen eher die Fluchtwege.
Freund Uwe sah natürlich,wie es weiter gehen könnte. Ich hatte allerdings immer noch Sorge (aus Erfahrung) dass ich irgendetwas übersehen haben könnte.
Nun folgt der Abschluß:
32. Df6 ! 1 :0
Kurioserweise kann nur die schwarze Dame das drohende Matt auf g7 decken. Auf 32…Dg8 folgt 33.Sg5 matt. Auf 32…Dh8 folgt natürlich 33.Dxe7+ mit nachfolgendem 34.Kd2 (oder auch etwas snobistisch 34.0-0-0) . Und auch 32…Df7 nützt nichts wegen 33.Sg5+ mit Damenverlust.
Nun gabs natürlich wieder entsprechend einen starken Gegner: Der Bremer Olaf Giel (ELO 2170) hatte allerdings einen Blackout, der nach 12 Zügen die Partie beendete.:
Weiß. Groß Schwarz: Giel, Olaf
1.e4 c5 2.Sf3 d6 3. d4 cxd4 4.Dxd4 Sc6 5.Lb5 Ld7 6. Lxc6 Lxc6 7.Sc3 Sf6 8.Lg5 bis hierher Altbekanntes . Sein nächster Zug war für mich neu: 8…Da5.Normalerweise geht’s weiter mit 8…e6 und anschließender langer Rochade von Weiß mit „verteilten“ Chancen. Hier entschied ich mich für 9.0-0. Sein nächster Zug machte mich stutzig: 9…Sd7.
Ins Auge fällt die geklemmte Position des schwarzen Läufers auf c6. Am liebsten hätte ich gleich 10.b4 gespielt und ein lockeres 11.b5 folgen lassen, doch Zwischenzüge können die Sache komplizieren.
Auf jeden Fall lohnt es sich, die Nagelprobe zu machen.
Also 10. b4 Nun ist 10…Da6 wegen 11.a4 sicherlich mehr als unbequem für Schwarz. Deshalb entscheidet er sich für 10…e5. 11.Dc4 . An dieser Stelle griff der Bremer mächtig daneben mit 11…Da3??
Es folgte natürlich 12.Lc1 und auf 12…Sb6 13.Dxc6 + mit Mehrfigur 1 : 0
Nach diesem Lucky Punch konnte ich entspannt in die letzte Runde gehen, da ich mein Soll schon übererfüllt hatte. Mein Gegner Peter Winkel (ELO ca 2170) aus Krefeld. Stundenlang am Abgrund taumelnd gelang mir durch Zugwiederholung noch ein schmeichelhaftes Remis. Am Ende Platz 28 von 163 Teilnehmern… Sieger wurde wieder einmal der Haudegen K.H.Podzielny. Weitere Infos unter: http://www.gocher-open.de/index.php/de/