Schwiegervater spielt gern freie Partien

und ich bin von Beginn an chancenlos, obwohl er keine Ahnung vom Schachspielen hat.

Er ist passionierter Billardspieler . (Die Freie Partie ist die Grunddisziplin von Carambole-Billard. Hier gilt die Grundregel, wonach eine Carambolage dann erzielt ist, wenn der Spielball die beiden anderen Bälle berührt, ohne Einschränkungen).

Morgen reist er wieder an – wie jedes Jahr – um die Team-Weltmeisterschaft im Dreiband-Billard in Viersen zu verfolgen.

Wir unterhalten uns gern über unsere Randsportpassionen und  sind immer wieder überrascht, wie viele Parallelen sich bei genauerer Betrachtung ergeben. Im Jahre 2004 bin ich dann – neugierig geworden – mitgefahren, um die Billardatmosphäre hautnah mitzuerleben. Natürlich verglich ich schon beim Entree den Turniersaal mit der mir vertrauten Schachkulisse. Und ich wurde direkt stutzig: Wohlige Musik rieselte durch die vollbesetzte Halle, die tatsächlich weiterlief, während die Matches begannen. Unten die schweigenden, sich konzentrierenden Meister, oben auf den Rängen die gebannten Zuschauer, die sich tatsächlich ( wenn auch leise) unterhalten konnten. Keine Konzertbesuchpeinlichkeitsatmosphäre beim Aufreißen einer Cola-Dose oder ähnlichen „Störgeräuschen“, stattdessen eine zwanglose Konzentriertheit, die sich bei gelungenen Stößen durch „begeistertes“,unaufdringliches Fingerschnippsen entlud. So konnte ich den Erklärungen meines Schwiegervaters aufmerksam folgen, ohne dass irgendein Spieler sein  obligatorisches

 „R U H Ä !!“ oder ( bei schlechter Stellung) 

„ S C H N A U Z E !! „ durch den Saal brüllte.

Ich fühlte mich wohl.Auffallend auch die „kultivierte“ Kleidung der Spieler ( sorry, ich werde alt) und die Ästhetik der Bewegungen, die durch äußerste Selbstdisziplin und Konzentriertheit geschaffen wurden. Auch nach offensichtlichen „Patzern“ begab sich der Spieler mit „Stil“ zu seinem Sessel, um sich die Bemühungen seines Kontrahenten (neidlos?!) anzuschauen.

„Ein ehrlicher, charakterfordernder Sport“ , dachte ich so bei mir , als ich mir die aktuelle Situation im Spitzenschach (Doping, elektronische Hilfen,Danailov-Scharaden etc) vor Augen führte. Kein „Kiebitz“ konnte hier helfen, auch lautes „Vorsagen“ wäre lächerlich . Beneidenswert. Mein Schwiegervater neigte sich plötzlich zu mir:“ Im Fernsehen gibt es nur noch Pool-Billard, sprich Snooker. Die hohe Kunst DREIBAND-BILLARD ist aus dem Fernsehen verschwunden.“ Sein Gesicht klagend, die Augen zur Festhallendecke gerichtet.

Schon denke ich an „Schach im Fernsehen“ (Pfleger,Hort,Frau Krämer) und zucke zustimmend die Schultern.

Wir fahren zu uns, er fachsimpelt, ich frage und plötzlich fällt mir das vermaledeite SCHACHBOXEN ein, das weltweit für Schlagzeilen sorgte.Da wirft sich eine Randsportart   an die mediengeile Boxerbrust, um sich  – würdelos – ein Sonnenplätzchen zu ergattern. Verkauft wird die ganze Chose als sensationelle Verknüpfung von Geistes – und Körperkraft.Der Gegensatz von feinsiniger Geistesarbeit und grober Fressenpoliererei kommt beim Publikum (natürlich) hervorragend an.

Mein bescheidener Vorschlag: Bleibt auf dem (schallschluckenden) Teppich! Übernehmt die wohltuende Hintergrundmusik von den Billardfreunden. Es gibt viele Parallelen zwischen den beiden Randsportarten.

Einstein says:Billard ist die hohe Kunst des Vorausdenkens. Es ist nicht nur ein Spiel, sondern in erster Linie eine anspruchsvolle Sportart, die neben physischer Kondition, das logische Denken eines Schachspielers und die ruhige Hand eines Konzertpianisten erfordert.

oder: Raymond Ceulemans(erfolgreichster Billardspieler aller Zeiten) "Karambolage ist Schach auf dem Billardtisch"

Selbst die Spielgeräte scheinen(partiell) aus dem selben Holz geschnitzt: Ahornholz (Queue,Figuren). Und auch ein genauer Blick unter(!) die Schachfiguren offenbart eine feine Parallele: Chess pieces are double weighted and have green billiard cloth pads.

Wie sehr sich die Billardszene nun auch auf die Schachwelt zubewegt, zeigen die aktuellen Meldungen aus der  Tagespresse: „Flotte Kugeln schieben die Spieler in diesem Jahr bei der Billard-Weltmeisterschaft in Viersen.Wenn nicht, dann gibt es Strafe.Nachdem die Profis 19 Jahre lang zwischen ihren Stößen alle Zeit der Welt hatten, ist in diesem jahr Schluß damit. Die entsprechende Regeländerung besagt, dass 50 Sekunden nach dem letzten Stoß die Kugeln wieder rollen müssen.“(WZ 24.01.08)

Ich werde auf jeden Fall zur 20.Billard-Weltmeisterschaft nach Viersen fahren, mich vom Schwiegervater fachmännisch beraten lassen und vielleicht ein wenig davon träumen, dass die beiden Randsportarten in ihrer Ähnlichkeit eine wunderbare Liaison eingehen könnten!

Billardschach oder Schachbillard – ich würde sofort mitmachen.

 

 

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