Hängepartie

Ich brauch keinen Scherong , das Turmendspiel ist klar gewonnen.“

Mit dieser schroffen Reaktion watschte unser Spitzenmann den Spieler (Brett 7) ab, der seine Hängepartie vom Vereinsmeister analysieren ließ und sich dazu hinreißen ließ, darauf hinzuweisen, dass er den Cheron in seinem Schachbuchbestand habe, der damals – wir sind in den 80 er Jahren – die Endspielbibel schlechthin war.

Der Mannschaftskampf endete vorübergehend mit 3,5 : 3,5 und nun – nachdem die Partie von Neumann (Name geändert) nach 40 Zügen abgebrochen wurde und eine Woche später fortgesetzt werden sollte. Sein Abgabezug wurde vom Meister nur leicht getadelt („ Na ja , immerhin macht er nix kapputt“). Ein kompliziertes Turmendspiel blieb als Rest, das unbedingt gewonnen werden mußte, um die Aufstiegschancen zu wahren.

Der Meister diskutierte mit 2 Mannschaftskollegen (Brett 2 und 3), die zum engeren Kreis gehörten, jedoch nur wenig von ihrem Mitspracherecht Gebrauch machten. Neumann stand neugierig und erschöpft in gebührendem Abstand und lauschte den Ausführungen desMeisters, die er zu verstehen suchte. Zwischenzeitlich drehte der Zampano sich ruckartig zu ihm um , hob drohend den rechten Zeigefinger und ermahnte ihn:“ Und auf jeden Fall, bleib im Quadrat! Kein Turmtausch, bleib ganz ruhig.Du stehst positionell auf Gewinn!“ Die Sekundanten nickten beifällig , fixierten den Lernenden und fingerten illustrierend übers Brett. Plötzlich erschien Schachfreund Schuster (Name der Redaktion bekannt) aus dem hinteren Feld und mischte sich ein (Bierflasche in der Hand):“ Turmtausch gewinnt sofort, Neumann kann durch einen Dreiecksmarsch die Opposition gewinnen, und der Fisch ist geputzt. Ohne Turmtausch kann er nicht gewinnen.“ „Unsinn!“ brüllte der Meister, der nun aufsprang und seinen Stuhl nach hinten stieß. „ Ihr habt wirklich keine Ahnung. Ich habe schon in der NRW – Liga gespielt und war auch dort sehr angesehen als Endspielspezialist. Schuster bleib bei Deinen Leisten. Wo spielen Sie nochmal? Bezirksklasse oder Kreisklasse?“

Unruhe kam auf. Auch andere Spieler mischten sich ein. Es kam zu einem heftigen Streit zwischen den „Königstreuen“ und dem Patzervolk.

Neumann war völlig verwirrt und ging ratlos und benommen nach Hause. Er verbrachte die Abende bis zur Wiederaufnahme der Partie an seinem Analysebrett, nahm auch den Cheron zur Hand, suchte krampfhaft nach ähnlichen Stellungen, wurde nicht fündig – und verließ sich letztlich auf sein Schachverständnis und sein Positionsgefühl.

Die ganze Woche nagte an ihm, er schlief schlecht, war gereizt – und sehnte sich nach dem Abschluß der ganzen Geschichte.

Sein Gegner begrüßte ihn freundlich, die Umschläge wurden vom Turnierleiter geöffnet und kontrolliert. Die Uhr des Gegners wurde in Gang gesetzt. Neumann holte sich einen frischen Kaffee von der Theke und ging entschlossen zu seinem Tisch. Er vergewisserte sich, dass er genügend Proviant in seinem Rucksack eingepackt hatte: Ritter Sport Nuss, 2 Bananen , 1 Würfel Dextro Energen (für alle Fälle) und 2 Wurstbrote in der Metalldose.

Sein Gegner dachte immer noch nach, war vielleicht von Neumanns Abgabezug überrascht – oder tat er nur so? Schach ist Poker, ist auch manchmal Bluff . Neumann hatte den Abgabezug auf seine Art gemacht: Er hatte das Partieformular in der Mitte gefaltet , seinen Stift genommen und sich umgeschaut, ob denn die Umstehenden auch die vorgeschriebene Diskretion einhalten und sich wegdrehen. Dann schrieb er Ta5 , das heißt er hatte das T nur fingiert, nur als Luftlinie einen Strich nach unten und dann den oberen Balken hinzugefügt. In Wirklichkeit hatte er einen Bauernzug eingetragen in der Hoffnung, dass irgendein Schlaumeier ihn doch aus dem Augenwinkel beobachtet hatte.

Sein Gegner zog nun endlich, bot den Turmtausch an und – bot gleichzeitig Remis an!

Neumann —- —– nahm an.

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