Norwegian Kids – Hilfe die Carlsens kommen

Das Gocher Open vom 1.10 bis 4.10.09 hatte mit 145 Teilnehmern fast die Rekordmarke erreicht, nicht zuletzt wegen der illustren Schar von ausländischen Spielern. Neben den Stammgästen aus den Niederlanden fanden sich diesmal  etwa ein Dutzend lebenslustige Kids aus Norwegen mit ihren Betreuern ein. 

Sie kamen vom " Toppidrettsgymnas“ in Oslo, einem College für Spitzensportler, dem auch Magnus Carlsen entsprungen ist.Sein Entdecker und Förderer dort war sein Lehrer Simen Agdestein. 

 Nun, in der 2.Runde wurde mir der kleine Sebastian Mihajlov zugelost, der mit einer DWZ von 1256 angereist war, nachdem ich die Startrunde siegreich überstanden hatte. Die Eröffnung spielte der Knirps schnell aus dem Ärmel, allerdings – so schien es mir –   eher aus Ungeduld und Lampenfieber denn aus fundiertem Theoriewissen. Ich fragte mich plötzlich, ob er denn bald die kleine oder große Rochade ausführen würde? "Ach, der kennt wahrscheinlich nur die kleine" – schoß es mir durch den Kopf.Nach weiteren unerwarteten Schnellzügen des Norwegerkinds wuchs meine Unsicherheit. Ich lief in den Flur zu den ausgehängten Ergebnislisten, um zu sehen, gegen wen er seinen Erstrundensieg gelandet hatte. Tatsächlich, ein Schachrecke mit einer ELO von  über 2000 war von ihm besiegt worden. Bei meiner Rückkehr ans Brett servierte der Junior mir noch eine staubtrockene Riposte auf ein"chancenreiches Bauernopfer", das ich blöderweise eingestreut hatte. Wenige Züge später stand ich hoffnungslos platt. Von nun an kletterte Sebastian häufig von seinem Stuhl (er saß etwas verdreht in einer Art Korkenzieherposition), wechselte die Tischseite, stellte sich neben mich und schaute konzentriert "mit den Augen des Gegners" auf die Stellung. "Aha ,"Norwegische Schachschule",  dachte ich so bei mir, so lernen die Kids auch die Schattenseiten des Schachlebens kennen . Mehrmals – mir schien, immer wenn ich gepatzt hatte – wiederholte er diese Art der Ruinenbetrachtung.

Auch in anderen Partien – wie hier deutlich zu sehen – wendete er diese Norwegertechnik an.

Ein kleines Wunder rettete mich schließlich nach etwa 6 Stunden, und ich kam zu einem glücklichen Punkt. Nun zeigte der kleine eine Größe, die ich bis heute  nicht besitze: Er gab mir die Hand, gratulierte und nahm es sportlich: Keine Träne, kein Gejammer, keine Eltern, die das arme Kind zutrösten müssen .

Sollte in einigen Jahren Sebastian Mihajlov zum Meisterspieler avanciert sein, kann ich mich zurücklehnen und jedermann erzählen, dass ich "schon mal" gegen ihn gewonnen habe…

Doch für andere gestandene Schächer war es in Goch schon zu spät für solche Aussichten. Wonniglich zu sehen, welche Glückseligkeit dieses Norwegerkind nach dem entscheidenden Ausheber ergriff.(Ich denke unwillkürlich an den "Kran von Schifferstadt"Wilfried Dietrich , den legendären Ringer, der bei Olympia 1960 in Rom einen Riesenfettkloß namens Taylor durch Schulterwurf "mattierte") http://www.youtube.com/watch?v=n79wBw_LJ9Y

Hier steht(!) das norwegian girl kurz vor ihrem ersten Sieg.

und erklärt nachher, wie chancenlos der andere war… 

Ich habe mich mehr oder minder durchs Turnier gemogelt, indem ich gegen die "Schwachen" gewonnen habe, gegen die Starken ein paar Remis erbetteln konnte (einmal gings schief) und somit Zeit und Muße gewann, mich mit den folkloristischen Elementen dieser vortrefflichen Veranstaltung zu beschäftigen. Mein Lieblingsfoto zum Schluß:

Übrigens gewann ein Bulgare das Turnier: Svetlin Mladenov vor der Kampfmaschine K.H.Podzielny und drei Norwegern…

siehe auch:

 www.gocher-open.de

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3 Antworten auf Norwegian Kids – Hilfe die Carlsens kommen

  1. Michael Arounopoulos sagt:

    Hallo,Karlo!

    Habe nach längerer Zeit mal wieder in deinem Blog vorbeigeschaut…es ist jedesmal ein Labsal, deine pointierten Betrachtungen und Formulierungen zu genießen!

    Allerdings hat sich in o.a. Artikel ein klitzekleiner sachlicher Fehler eingeschlichen, zu deiner Ehrenrettung sei jedoch gesagt, dass es sich um ein „Nicht-Schach“-Thema handelt. Ich spiele auf den legendären Schulterwurf des „Krans von Schifferstadt“ gegen das amerikanische Riesenbaby Taylor an. Ebendiese sportliche Großtat ereignete sich nicht bei der Olympiade in Rom 1960, sondern in München 1972. Ich saß damals gebannt mit der ganzen Familie vor der Flimmerkiste (schwarz-weiß mit Zimmerantenne und Schneerauschen, wir verstehen uns?)und werde nie vergessen, wie perplex mein Vater war, als er das sah!
    Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder. Mach’s gut!

    Liebe Grüße,
    Michael

  2. admin sagt:

    Hallo Michael,
    danke für Deine Fehlerkorrektur! Auch ich habe damals diesen phänomenalen Kampf verfolgt.(Zimmerantenne!).Vielleicht sehen wir uns beim Nettetaler Open (Juli)oder auch beim Gocher Open (Anfang Oktober).Auch Außenseiter haben ihre Chancen! Beste Grüße Karlo

  3. Rosendo sagt:

    And this is the reason I love schachneurotiker.blogg.de. Awesome posts.

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