Der Lazarus-Modus

Nach monatelanger selbst auferlegter Schachabstinenz richte ich meinen Blick vorfreudig auf das GOCHER OPEN, das vom 1.10.09 bis 4.10.09 stattfinden wird. http://www.gocher-open.de/ Seit einigen Jahren verbringe ich dort meinen „Jahresurlaub“. Die Spielbedingungen sind optimal : engagierte, humorvolle Turnierleiter, großzügige Architektur , ausreichend Toiletten und genügend Parkplätze sind vorhanden.

Einziger Wermutstropfen für manche (Semi)-Professionals ist die 3 Punkte -Regelung, die nicht immer die besten Spieler aufs Treppchen läßt. –

Amateure wie ich haben natürlich andere Ziele: Den Großen ein Beinchen stellen, eine ELO-Zahl erwerben oder verbessern, länger als eine Runde auf der Bühne verharren (vor allem am Wochenende, wenn die Vereinskollegen mal vorbeischauen )…und ein wenig Schachfolklore genießen.

Das heißt: Mein Startgeld ist lediglich die Eintrittsgebühr (wie beim Kinobesuch), für ein möglichst

unterhaltsames Event. Dazu gehört auch das Treffen von Schachfreunden , die man seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hat.

Im letzten Jahr hatte ich das Glück, Peter N. Aus U. anzutreffen, den ich wegen seiner satirischen Schärfe und seiner Eloquenz sehr schätze. Ein Lustwandeln durch den Turniersaal mit ihm bei voller Nervenanspannung der übrigen Akteure ist für mich schon das Startgeld wert.

Gerade die aufkommende Zeitnotphase regt zum Wandern an, und ich folge seinem Schritt:

Ein früherer Mannschaftskamerad von uns steht klar auf Gewinn, hämmert sich allerdings gerade durch die Zeitnot, schaut mehr auf die Uhr als aufs Brett, was den Kiebitz naturgemäß anlockt. Noch 3, dann 2 , dann noch einen Zug bis zur Zeitkontrolle, dann ist es geschafft: Er hat seine Gewinnstellung restlos ruiniert!

Ich drehe mich weg, da ich nicht kondolieren möchte. Peter holt mich zurück:“ Der spielt weiter“, flüstert er. Die Uhren werden entsprechend umgestellt. Unser Mann liegt teilnahmslos in seinem Turnierstuhl, hat seine Kappe tief ins Gesicht gezogen. „Warum gibt er nicht auf?“ frage ich ein wenig entgeistert. „ Er spielt jetzt im „LAZARUS-MODUS“, whispert mein Begleiter.

Tatsächlich, er gibt sich (scheinbar) auf. Er hofft (insgeheim?) auf ein Wunder. Hier hilft mir (nachträglich) Wikipedia, um den Schachfreund Stefan zu verstehen:“

Johannesevangelium [Bearbeiten]

Nach dem Johannesevangelium (Joh 11,1–45 EU) sind Lazarus und seine Schwestern Martha und Maria besondere Freunde Jesu. Nachdem dieser in Abwesenheit von der Krankheit des Lazarus erfährt, bleibt er noch zwei Tage im Norden Israels in der Nähe des Sees Genezareth und reist dann nach Bethanien, das in der Nähe Jerusalems liegt (Joh 11,18 EU). Lazarus ist in der Zwischenzeit gestorben und bei der Ankunft Jesu bereits seit vier Tagen in einer Höhle beigesetzt. Jesus lässt den Stein vom Grab wegwälzen. Auf den Zuruf Jesu „Lazarus, komm heraus!“ verlässt dieser – noch mit den Grabtüchern umwickelt – lebendig das Grab

Diese Hoffnung erfüllte sich leider nicht.

Nach dieser eindrucksvollen Visite kam mir ein ähnlicher Vorfall wieder zu Bewußtsein, den ich eigentlich wegen seiner Unappetitlichkeit verdrängt hatte: Ein Jahr zuvor war mir selbst ein solcher LAZARUS begegnet, der nach einem gravierenden Eröffnungsfehler – "noch mit den Grabtüchern umwickelt"- lebendig das Grab verlassen zu hoffen wagte.

Ähnlich wie bei meinem ehemaligen Mannschaftskameraden war auch hier die plötzliche Sterbensnachricht (schon in der Eröffnung!) Auslöser für den modifizierten LAZARUS-MODUS.

Es begann freundlich, sportlich, vorbildlich….

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. d4 exd4 4. Nxd4 Bc5 5. Be3 Qf6 6. Nb5 Bxe3 7. fxe3 Kd8
8. N1c3 a6 ???

Nach 9.Nxc7 usw . spielte der Wundergläubige  allerdings nur noch stehend weiter. Nach jedem seiner Züge verschwand er schleunigst, um dann – eher beiläufig  mal vorbeischauend – stehenden Fußes adhoc den nächsten Zug auszuführen. 

 Mir tat der Mann allmählich leid, der sich so unsäglich schwer tat,  dem Tod ins Auge zu schauen . Als endlich der Vorhang fiel, wollte ich ein paar aufmunternde Worte an den erfolglosen LAZARUS richten, doch dieser war während meiner wohlmeinenden Rede lautlos entschwunden…

Ich hätte wohl ähnlich reagiert… 

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Ein Kommentar zu Der Lazarus-Modus

  1. Fetzo sagt:

    Das war nicht nur in der Partie so.Ich habe das ganze Turnier im Lazarusmodus gespielt!

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