Lasker in Alaska

Das neue Buch von Michael Chabon „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ liegt  zusammengeklappt neben meiner Tastatur, gespickt mit eingeschobenen Zettelchen, Kommentaren und diversen Verweisen , als ob ich in Kürze ein Referat dazu abliefern müsse.

Doch in Wirklichkeit ist es wohl nur der schüchterne Versuch, einen wild gewordenen Autor einzufangen, der sich verdammt viele Freiheiten nimmt und auch  historische Personen und Ereignisse fiktional aus den Angeln hebt.

Ich habe nur aus einem einzigen Grund die – anstrengende – Lektüre durchgezogen: Schach ist ein wichtiger Bestandteil des Romans, so die Verlagsankündigung!

Also blättere ich erstmal und scanne blitzschnell mit den Scheuklappenaugen eines Schächers  die 420 Seiten in der stillen Hoffnung, mal wieder einen Autor bloßstellen zu können, der zwar netterweise das Thema „Schach“ in seinem Oeuvre aufgenommen hat, allerdings dutzendfach beweist, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Welch ein Grinsen, welch ein Lachen, wenn der Protagonist z.B. von der „Nimzo-kroatischen Eröffnung“ schwadroniert! Da freut sich der gemeine Schachamateur, der im Vergleich zum Schriftsteller fast seine gesamte Freizeit opfert, um durch jahrelanges Training  vom kleinen Patzer zum großen Patzer aufzusteigen.

Michael Chabon  greift in seinem Roman eine alte Idee von Emanuel Lasker auf, der in seinem letzten Lebensabschnitt in New York weilte und sich schriftlich dafür einsetzte, daß die europäischen Juden nach Alaska ausreisen dürften. Was realitätsfremd und naiv wirkte, wurde jedoch von Roosevelts Innenminister Harold Ickes  in den Congress getragen, wo dieser Antrag allerdings brüsk abgelehnt wurde.

Man wollte keine „unwashed immigrant population…“

Der Autor lässt nach dem Holocaust die europäischen Juden für eine Übergangszeit von 60 Jahren nach Alaska auswandern in den District Sitka, wo sie ihre eigene jiddische Welt pflegen und kultivieren.

Hier beginnt nun die eigenartige Kriminalgeschichte (a la Chandler), ein echter Whodunit, der schon nach wenigen Zeilen ein prominentes Opfer findet. Detektiv Meyer Landsmann , ein abgetakelter Trinker und Zyniker, muß in der Absteige, die ihm als Herberge dient, einen Mord aufklären.Der Tote scheint Emanuel Lasker zu sein.

Für uns Schächer mit dem 64-Felder-Tunnelblick zitiere ich ein paar Textstellen, die ein „echter“ Schachspieler niemals so vortrefflich schildern könnte: Ort des Geschehens:Hotel Einstein, „in dessen Cafe die großen Verbannten der jüdischen Schachwelt sich Tag für Tag trafen, um sich herz-und erbarmungslos zu vernichten.Landsmans Vater, zu jenem Zeitpunkt halb irre durch das frisch zugeführte Fett, den Zucker und die schleichenden bösen Folgen von Typhus, machte kurzen Prozeß.Er nahm es mit jedem Ankömmling auf und schickte jeden Einzelnen so vernichtend geschlagen aus dem Einstein, dass ein oder zwei seiner Gegner ihm niemals verziehen.Schon damals legte er die düstere,gequälte Spielweise an den Tag, die dazu beitrug,Landsman den Sport bereits als Kind zu vergällen.“Dein Vater spielt Schach“, sagte Hertz Shemets einmal,“ als hätte er gleichzeitig Zahnschmerzen,Hämorrhoiden und Blähungen.“ Er seufzte, er stöhnte.Wie von Sinnen zog er an den stoppeligen Resten seines braunen Haars oder jagte es mit der Hand kreuz und quer über seinen Schädel wie ein Bäckermeister, der Mehl auf einer Marmorplatte verstreut. Die Fehler seiner Gegner verursachten ihm Magenkrämpfe.Seine eigenen Züge, so wagemutig, überraschend, originell und klug sie auch waren, trafen ihn wie furchtbare Nachrichten, so dass er bei ihrem Anblick die Hand vor den Mund schlug und die Augen verdrehte.“

(„So do I“ – Schachneurotiker)

 

Onkel Hertz’ Stil war ein völlig anderer.Er spielte ruhig, strahlte Gleichgültigkeit aus, hielt den Körper in einem Winkel zum Brett, als erwarte er in Kürze eine Mahlzeit auf dem Tisch vor sich oder ein hübsches Mädchen auf seinem Schoß…..“

 

 

Landsmans Vater schonte auch seinen Sohn nicht, zwang ihn immer wieder zu qualvollen Schachduellen.“Landsmans Vater erlegte seinen Sohn, nahm ihn aus und sezierte ihn, während er ihn von der baufälligen Veranda seines Gesichts beobachtete.“

 

„ Nach einigen Jahren dieses Sports setzte sich Landsman an die Schreibmaschine seiner Mutter und tippte einen Brief an seinen Vater, in dem er ihm seinen Hass auf das Schachspiel

beichtete und bat, nicht länger zum Spielen gezwungen zu werden.“

Leider brachte der Vater sich um, bevor er diesen Brief öffnen konnte. Die Folgen  für den Sohn waren verheerend:

„Er nässte ins Bett, wurde dick, sprach nicht mehr .Seine Mutter schickte ihn zu einer Therapie bei einem bemerkenswert sanften und erfolglosen Arzt namens Melamed.“

 

Der skurrile, schräge , höchst originelle Kriminalroman kehrt immer wieder zum Schachbrett zurück, da nur dort der Fall zu lösen ist. Eine abgebrochene Mittelspielstellung gilt es zu dechiffrieren (das allerdings kennt man aus anderen Werken), doch immerhin gipfelt die Auflösung in der Beletage der Schächerwelt : Zugzwang und – Unterverwandlung!!

Michael Chabon:"Die Vereinigung jiddischer Polizisten"

Kiepenheuer&Witsch, 19.95   Sehr empfehlenswert – auch für NichtSchächer!
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2 Kommentare zu Lasker in Alaska

  1. Leidensgenosse i.R. sagt:

    Ich dachte , es würde dir schwerfallen, Dich zu steigern, aber Du ziehst mich mit deiner packenden Beschreibung in einen Bann, der mir unmittelbar zwei Entschlüsse entlockt: Ich muss das Buch lesen und meinen Sohn von Schachpartien mit mir fernhalten. Danke für den Blogg und mach weiter so.

  2. Lesenswert wie immer! Danke für die intelligenten wie humorvollen Texte!
    Schöne Grüße!!

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