Von Riesen und Zwergen

Manchmal gelingt es mir, mehrere Stunden am Tag nicht an Schach zu denken. Doch unterschwellig ist die Sucht jederzeit abrufbar, wenn auch nur eine klitzekleine "Eselsbrücke" den Weg kreuzt. So geschehen gestern, als ich in aller Unschuld ein Buch von  Wolfgang Hey aus dem Regal zupfte mit dem Titel "Von Riesen und Zwergen" .Der Autor, ein ehemaliger Bürgermeister und Landrat aus Rheinland-Pfalz, hat eine illustre Auswahl seiner "satirischen Verse" zu Papier gebracht , eingeleitet mit einem Vorwort von  Dieter Hildebrandt . "Dann wirds wohl nicht so jämmerlich amateurhaft sein", dachte ich und putzte neugierig abwartend meine Brillengläser.

Ich schlug das Büchlein irgendwie einfach auf, landete auf S.46:

Kurzlebige Gleichheit

Gemächlich schreitend geht ein Riese
über eine große Wiese.
Ein kleiner Zwerg denkt hinterm Strauch,
so schnell wie der geht, geh ich auch.

Er schließt sich an in schnellem Schritt
und hält das Tempo wirklich mit.
So glaubt nach Kurzem er daran,
dass er wie Riesen schreiten kann.

Der Unterschied in beider Lage
trat unvermittelt bald zutage,
als dem Zwerg die Zunge hing
und der Riese weiter ging.

"Wie in meiner Partie gegen Florian Handke letztes Jahr", dachte ich pötzlich und spürte noch einmal den stechenden Schmerz, als ich auf den letzten Metern jämmerlich zugerichtet wurde, nachdem ich stundenlang "gleiches" Spiel hatte.

Ich blätterte weiter und stieß nach kurzer Zeit wieder auf eine noch nicht ganz vernarbte Wunde:

Überheblichkeit

Nichts verzeiht ein Zwerg so schwer,
wie wenn ein Riese allzu sehr
im eignen Selbstbewusstsein fest
den Zwerg sein Zwergsein fühlen lässt.

Ich spiele mit einem "Riesen" stundenlang ein lächerliches Endspiel mit ungleichen Läufern.Mein Gegner lehnt Remis ab. Ich finde schließlich die einzige Möglichkeit, mich doch noch umzubringen (studienhaft) und gebe zornig auf. "Machen Sie das immer so?", frage ich extrem vorwurfsvoll. "Nein", antwortet der junge Bursche, " nur wenn es sich lohnt"…

Die Falle war längst zugeschnappt: Ich las mal wieder ein "Schachbuch". Allmählich konnte auch ich den heiteren Ton des Autors genießen, erst recht bei folgenden Versen, die ich im Geiste einem ehemaligen Kumpel widmen möchte…

Der Aufstieg

Ein Zwerg war in den Längendaten
für Zwerge ziemlich groß geraten,
so dass man ihm Platz eins verlieh
in der Zwergenhierarchie.

Doch wollte er mit heißem Streben
im schönen Land der Riesen leben.
Er kämpfte lange, bis die Riesen
ihn in ihre Kreise ließen.

Hier traf Platz hundert ihn als Los,
dazu der Ruf als Gernegroß.
So sah er oft mit Trauerblick
auf seine Zwergenzeit zurück
und merkt am Beispiel seines Falles,
Riese werden ist nicht alles.

So wechselte der Möchtegernmeister in einen anderen kleinen Zwergenklub, wo er entsprechend gefeiert wurde…

Der Zwergenkönig

Ein Riese aus der Riesenschar,
der kleiner als die andern war,
litt darunter, dass ihn die Verwandten
nicht so richtig anerkannten.

Fortziehend fand er hinter Bergen
eine Schar von kleinen Zwergen.
Die überragte er ein wenig
und war von da an deren König.

Die letzten Verse möchte ich gerne laut vorlesen:

Abhängigkeit

Ein Riese, der ? leicht arrogant ?
den Beifall vieler Zwerge fand,
kam bald schon ohne den Applaus
der kleinen Zwerge nicht mehr aus
und war, so groß er sich auch fand,
doch ungewollt in Zwergenhand.

( aus: Wolfgang Hey:"Von Riesen und Zwergen", Stiebner Verlag)

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