Der Damenverlust des Nachbarn Samuel

"Immer wenn ich ein Schachbrett sehe, muß ich an meinen Nachbarn Samuel denken. Er brachte mir das Schachspiel bei.
Er wohnte mit seiner Frau in einem kleinen Haus uns schräg gegenüber. Schlechter als diese zwei konnten Eheleute nicht zueinanderpassen. Beide aber ertrugen die Misere mit Geduld. Seine Frau war eine fromme Katholikin. Sie ging jeden Morgen in die Messe und tadelte ihren Mann, weil er lieber Schach spielte. Sie war liebenswürdig, höflich und bescheiden, aber sehr geizig, deshalb mieden die Nachbarinnen sie.
Meine Mutter erzählte, sie erlaube niemandem – nicht einmal Samuel -, im Salon zu sitzen, denn die Sessel und Sofas dort sollten nur dann belüftet und benutzt werden, wenn der Bischof einmal im Jahr, kurz nach Ostern, kam.
Samuel war beliebt. Er scherzte gerne und lachte viel, und wenn er nicht im Café Schach spielte oder sich mit Passanten auf der Straße unterhielt, stand er Sommer wie Winter auf dem Balkon und zog an einer Zigarette. Er durfte in der Wohnung nicht rauchen. Seine Frau hielt Rauchen für eine Sünde, eine Geldverschwendung, und auch den Gestank konnte sie nicht ertragen.
Er rauchte also nie in der Wohnung, bis zu dem Tag, an dem seine Frau durch einen Herzinfarkt im Schlaf starb.
Einen Tag später besuchten ihn die Nachbarn, um nach ihm zu schauen. Sie fanden ihn im Salon. Er saß im bequemsten Sessel, hatte seine Füße auf den Tisch gelegt und rauchte. Die Nachbarn mußten sich durch eine dichte Rauchwolke zu ihm durchkämpfen, um ihn ein wenig zu trösten. Er aber hustete und wiederholte mehrmals fast heiter: "Ich weiß, ich weiß. Sie war eine liebe Frau."
Zwei Tage später holte er Handwerker ins Haus und ließ es renovieren. Dann riß er alle Fenster auf, und von der Straße aus sah man ihn im buntgestrichenen Salon vergnügt seine Zigaretten rauchen.
Von nun an ging er nicht mehr ins Café, sondern lud alle Freunde zu sich nach Hause ein."

(Auszug aus der Rede von Rafik Schami"Ein Garten für die Jugend" anläßlich des Weilheimer Literaturpreises 2003)

Der Text ist erschienen bei Hanser innerhalb des Buchs"Damaskus im Herzen" und – als Hörbuch "Ein Garten für die Jugend" bei LangenMüller. Die Rede des großartigen Erzählers in vollem Wortlaut :  http://www.rafik-schami.de/schami_e_1.cfm

Wer sich nicht nur für Schach interessiert, sondern auch mal den Blick weit über das Brett hinausschweifen lassen möchte, dem empfehle ich – neben den zahlreichen Büchern des syrischen Autors – seine Dankesrede anläßlich der Verleihung des Nelly -Sachs -Preises 2007 : http://www.woz.ch/artikel/2007/nr51/leben/15784.html

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2 Antworten auf Der Damenverlust des Nachbarn Samuel

  1. Alles.Gutes.Herzlich.Grusse.aus.Eggenfeden.G.Nikolitsch.Corneliu…Schach.spieler.Rottal.inn..PS.bitte.Buchen.mich.in.internet.das.bild.foto.derby.senioren.2011.Danke.Herzlich.Grusse.

    • slimslam sagt:

      Danke für die freundlichen Grüße! Ich schreibe -wie Sie sehen – in recht unregelmäßigen Abständen, dafür jedoch schon seit längerer Zeit. Grüßen Sie bitte den Martin Riediger ebenfalls herzlich von mir!.

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