Es ist ein Meister vom Himmel gefallen

Letzten Sonntag.Dachterrasse.Ich liege auf meiner Liege

und sonne mich in der Sonne.

Am niveaballblauen Himmel schweben – wie oft am Wochenende –

kleine Farbtupfer, die pendelnd und kreisend langsam

nach unten sinken und schließlich dem Blickfeld

entschwinden.

Ich genieße diese kontemplativen Himmelsszenen, die der

benachbarte Segelflugplatz regelmäßig bietet auch wegen

der dramatischen  Unterbrechungen, dem Geknatter der sich

öffnenden Schirme und vor allem – wegen der mannigfaltigen

(Lust-)Schreie der Jungfernflieger, die auf die Besonderheit

ihrer Situation hinzuweisen scheinen.

Ich stelle mir leibhaftig vor, wie es sich anfühlen mag,

wenn jemand wie ich z.B. in der geöffneten Flugzeugtür

sitzt und aus 4000 m Höhe nach unten starrt und in selbiger

Sekunde hinausgeschubst wird…

Ich schaute zurück in mein Buch, das ich schon zum

zweiten Mal genießen  wollte ("Nachtzug nach Lissabon")

und merkte plötzlich, wie das Thema des "Nicht gelebten

Lebens", das den Protagonisten nach Lissabon treibt,

kristallklar, knatternd und schreiend über meinen

Augen inszeniert wurde.

Die Vorstellung, das Schachspielen durch eine andere

Passion ersetzen zu können, waberte schon länger

in   meinem Hirn, zumindest die Vision, die kostbare

Freizeit nicht so intensiv mit dieser verdammten Droge zu

verplempern. Ich schaute genauer hin:

Im Turnierschach kein wirklicher Fortschritt               

Krach mit dem alten Verein,

Unmengen  von Internetblitzpartien, die ich verloren habe,

oder  aber gewonnen habe, – um mir dann unflätige

Beschimpfungen anzuhören…

Da hilft wahrscheinlich nur der kalte Entzug!

 

  – So habe ich die letzten Tage

schachfrei  genossen, kein Blitzen , kein Sitzen, …

Und dann erhielt ich eine mail, in der mir ein alter

Schachfreund mitteilte, dass er am Sonntag in meinem Ort

war, jedoch keine Zeit hatte, bei mir vorbeizuschauen,

da er auf dem Flugplatz einen Termin hatte…

 Ich drängte ihn, mir

einen detaillierten Bericht zu schicken, wohl wissend, dass

er großartig erzählen kann und  somit meinen blog für

diesen Monat retten kann. (Mir fiel wegen der Sinnkrise

wirklich nichts mehr ein).

Da er im Jahre 2006 VERBANDS – MEISTER

des INDUSTRIEGEBIETS wurde, war auch die Frage

nach der Überschrift zu diesem Bericht schnell

geklärt.

 

Danke ULF!!

 Ulfs Bericht:

Frühjahr 2006: Beschluss mit besagter Freundin des Projektes Fallschirmsprung – natürlich in einer Bierlaune.
Herbst 2006: nach monatelangem Festhaltem an dem Beschluss (jeweils in Bierlaunen) ohne Konkretisierung gibt es aufgrund des Wetters keinerlei Möglichkeit mehr zu springen.
Frühjahr 2007: besagte Freundin kümmert sich. Eine gemeinsame terminfindung gestaltet sich ziemlich schwierig, zudem ist der Flugplatz "in der Nähe von Neuss" Wochen im Voraus ausgebucht. Als Termin springt letztlich der 15.7., 18 Uhr, heraus.
15.7., 16:30 Anruf am Flugplatz, ob der Sprung statt findet. Wegen einer angesagten Gewitterfront aus Westen wurden die Chancen auf 50-50 geschätzt, wobei der Rest des Abends absolut sonnig blieb.

16:45: Abfahrt in Düsseldorf, es fährt ihr durch einen Bandscheibenvorfall nicht springfähiger Lebensabschnittsgefährte und hatte seine Kamera am Start, mit der er diverse Megabytes Fotos anfertigte.
17:30 – Ankunft Flugplatz, wir werden darauf hingewiesen, dass ohne Barzahlung kein Sprung statt findet.
17:45 – Ankunft Sparkasse, Grefrath City, um diesen Missstand zu beheben.
18:00 – Wiederankunft Flugplatz. Der 18Uhr-Sprung ist gerade abgeflogen, wir werden zwei Sprünge später um 19 Uhr eingeplant.
18:05 – Sitzen in der Flugplatz-Gaststätte und Verfolgen des bunten Treibens der Eingeborenen. Es kommt erschwerend hinzu, dass das angedachte Bier nicht statt finden darf, weil man bereits einen Schrieb signierte, bei dem man angab, diverse Krankheiten wie Organstörungen, Rückenprobleme, psychische Unregelmäßigkeiten und vieles mehr nicht zu haben, sowie innerhalb der letzten 12 Stunden keinerlei Drogen- oder Alkoholkonsum betrieben zu haben. Dumm gelaufen.
18:10 – ich bemerke einen perversen Hunger, da ich zu jedem Zeitpunkt an diesem Tag noch keinerlei Nahrung in mich schaufelte. Ich wollte nichts drin haben, das eventuell unfreiwillig wieder raus will…
18:45 – wir werden endlich aufgerufen und lernen unsere Sprungpartner kennen. Es handelte sich nämlich um Tandemsprünge, einzeln darf man erst springen, nachdem man diverse Kurse und eine gewisse Anzahl an Tandemsprüngen absolviert hat. Mein Sprungpartner ist ein Niederländer, aber da ich im Gegensatz zu anderen unseren westlichen Nachbarn eine gewisse Sympathie abgewinnen kann (natürlich nur, solange es nicht um Fussball geht, das versteht sich von selbst!), ist das kein Problem.
18:50 – kurze Einweisung anhand von Bildern und Erklärungen: auf keinen Fall beim Sprung am Flugzeug irgendwo festhalten, Hohlkreuz bilden und geniessen. Nach Öffnen des Schirms die Gurte an den Leisten ein wenig lockern, sodass man fast wie in einer Schaukel sitzt. Wieder geniessen. Bei der Landung Hände ich die Kniekehle, Füße hoch und mit dem Allerwertesten zuerst den Bodenkontakt vollziehen – fast analog zu dem, wie man es beim Weitsprung lernte.
18:55 – der unangenehmste Teil des Projekts. Man wird in einen schicken, schwarzen Fliegeranzug gesteckt und mit zig Gurten versehen. Bei den herrschenden Temperaturen durchaus kein Zuckerschlecken.
19:00 – die winzige Maschine rollt an, es passen so gerade eben der Pilot sowie drei Sprungpaare (Springerpaare) rein, die allesamt verrenkt auf dem Boden sitzen dürfen. Das dritte Paar enthielt als Novizin im Übrigen eine Frau, die durchaus mehr Lebensjahre auf dem Buckel hat als der Schachneurotiker.
19:05 – wir sind in der Luft und der Niederländer zeigt mir die Sehenswürdigkeiten – den Borussiapark in Mönchengladbach, die A61, die Maas, Venlo, Roermond und sagt dann auf 1500m Höhe, dass er ungefähr hier die Reissleine ziehen wird.
19:10 – ich werde angehalten, die Kappe samt Schutzbrille aufzuziehen und höre zig Geklicke von den Karabinerhaken, die bis zu zweieinhalb Tonnen halten sollen, nachdem ich mich auf den Schoss meines Sprungpartners setzen durfte. Sämtliche Gurte wurden ziemlich fest angezogen, ich kam mir schon etwas wurstig vor.
19:15 – der Flieger ist bei 3900m, das heruntergelasse Rollo, das die Tür des Fliegers ersetzte, wurde hochgemacht und das direkt davorsitzende Paar mit der älteren Frau war entschwunden. Zum selben Zeitpunkt machte ich mir Gedanken darüber, dass eigentlich Nervösität vorherrschen sollte, das solche aber nicht statt fand. Das machte mich irgendwie schon nervös.
19:16 – wir robbten zur Tür, saßen kurz auf der Kante, ich ging ins Hohlkreuz und plötzlich wurde uns der Boden unterm Arsch weggezogen. Ein absolut irres Gefühl, das sich nur schwerlich final beschreiben lässt und man einfach erlebt haben muss. Mit keinerlei Achterbahn oder Sonstigem zu vergleichen. Gigantische Kräfte wirken auf einen bei knapp 200km/h ein und es herrscht ein Gefühl unendlicher Freiheit vor. Wohlwissend, dass sie limitiert ist. Einer meiner ersten Gedanken in der Luft war die Frage, welcher Mensch wohl als erstes auf die Idee gekommen ist, aus einem Flugzeug zu springen (Wikipedia gibt Aufschluss, wie ich mittlerweile weiss). Interessant ist es wohl, dass die weit unten liegende Erde trotz der Geschwindigkeit gar nicht näher zu kommen schien, obwohl sie mehrere Kilometer näher kam.
19:16:41 – mein Sprungpartner zieht die Reissleine, der Schirm öffnet sich, ohne den vermuteten extremen Ruck, sondern eher relativ geschmeidig. Zu meiner Überraschung erkannte ich sofort den Flugplatz unter uns und machte mich daran, die Gurte an den Leisten zu regulieren, um etwas bequemer "sitzen" zu können. Die Gleitphase als solche ist sehr angenehm, allerdings auch vergleichsweise unspektakulär. Mein Sprungpartner steuerte den Schirm sehr gewieft, sodass wir noch ein wenig hin und her schwangen und mehrfach die Richtung wechselten, während die Erde jetzt trotz der deutlich geringeren Geschwindigkeit relativ schnell auf uns zu kam.
19:20 – wenige Meter vor dem Boden schienen wir deutlich langsamer zu werden und ich tat alles für die Arschlandung, so wie mir geheissen. Zu meiner Überraschung schrie mein Partner dann "Fußlandung! Tu die Füße zuerst auf den Boden" und ich tat das automatisch und stand dann mit beiden Füßen fest auf dem Boden, ohne umzukippen, gar ohne Schwankung oder Ausfallschritt. Der wurde erst nötig, als der Schirm hinter uns aufkam, der zog ein wenig nach hinten, sodass man das ausgleichen musste. Die Landung war also extrem entspannt und unglaublich einfach. Danach wurde alles abgeschnallt, ich quetschte mich aus meiner zweiten Haut und gesellte mich zu unserem Fotographen, der dankenswerterweise bereits drei Weizen orderte. Ein Weizen, wie noch keins zuvor geschmeckt hat.
03:00 – ich liege trotz großer Gesamtmüdigkeit seit Stunden im Bett und kann nicht schlafen, weil ich immer noch total aufgewühlt bin.

 

Nicht ganz unerwähnt lassen sollte man vielleicht die Tatsache, dass ich eigentlich durchaus unter Höhenangst leide. Von jedem Geländer, das mir nicht mindestens zur Schulter geht, halte ich mindestens einen Meter Abstand, selbst wenn es sich nur um den ersten Stock handelt. Angst spielte sich aber während des gesamten Projektes nicht ab – vor dem während des Weizengenusses umherspringenden Hund hatte ich mehr Angst…

Fazit: ich kann jeden Menschen verstehen, für den ein solcher Sprung grundsätzlich nicht in Frage kommt. Allen anderen kann ich aber nur dringstens empfehlen, es einmal zu tun. Ein irres Gefühl, das ich nicht missen möchte. Ich bin mir auch vergleichsweise sicher, dass das nicht mein letzter Sprung war

 

 

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Ein Kommentar zu Es ist ein Meister vom Himmel gefallen

  1. fetzo sagt:

    Hi Ulf und Schachneurotika!!

    Toller Bericht. So ein Sprung steht auch bei mir noch auf der Agenda.
    Bis jetzt bin ich aber leider nur bis zu den Weizen gekommen. 🙂

    Gruß Fetzo.

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