Am Krankenbett des Fernschachs

– ein paar ketzerische Gedanken –

Die  gute alte Zeit des Postkartenfernschachs habe ich nur als Zaungast erlebt. Anrufe mitten in der Nacht , die mich aufschrecken ließen, durfte sich nur ein Schachfreund erlauben, der nicht nur Nahschach in Nah und Fern , sondern auch  Fernschach leidenschaftlich betrieb.

Es ging mir sehr nah, zumal ich sehr anfällig war für ?unglaubliche Varianten?, die der  engagierte Telefonanalytiker nach stundenlanger Arbeit herausgefiltert hatte. Nur zur ?schnellen  Überprüfung? ? (? vielleicht habe ich einen groben taktischen Witz übersehen?)

nötigte er mich regelmäßig aus meinem Schlafgemach ins Schachzimmer, wo ich seine

diversen Partiestellungen  wie in einem Museum aufgebaut hatte.

Er hatte mich in einer Bierlaune mal zum SEKUNDANTEN ernannt, was  ich schmunzelnd

und ein wenig stolz ( er war ein recht starker Spieler) wie einen Ritterschlag  aufnahm.

 

Kurzum: Ich hing irgendwie mit drin. Wochenlang warteten WIR auf Post aus der Sovietunion ( die  – da waren wir uns sicher ? einige Großmeister als Sekundanten beschäftigten), ich hörte mir die Jammereien über inkorrekt eingetragene Bedenkzeiten der Gegner an,  und dann irgendwann, wenn ich mich  längst meinen Nahschachambitionen wieder zugewandt hatte, schrillte morgens um 3.30 Uhr das Telefon?

 

Vorbei sind diese ? anstrengenden ? Zeiten. Nur noch wenige Fernschächer reißen ihre Fenster auf, um  aus der Ferne den herannahenden Postboten frühzeitig zu entdecken.

Wer läuft heute noch schweißgebadet zum Briefkasten, um den offensichtlichen Fehlzug, den man leider eingeworfen, aber noch nicht ganz abgeschickt hat, dem Postkastenleerer abzuschwatzen (?Entschuldigung, es geht um Leben und Tod?). Vorbei die philatelistischen

Austauschaktivitäten, die Pinzetten liegen nicht mehr neben dem Analysebrett?

 

Und heute?

 

Ich spiele seit einigen Jahren selbst Fernschach. ( ohne Sekundanten).

 

Allerdings habe ich einige Mitarbeiter eingestellt, die als ENGINES  Tag und Nacht für mich arbeiten. Immer wieder nehme ich Neueinstellungen vor, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Nachdem Fritz 8 ( ich duze meine Mitarbeiter) lange Zeit vortrefflich analysiert hatte, musste ich ihn durch einen jüngeren ( menschlicheren!) Analytiker ersetzen. Meine Aufgabe ist es,

die Augen offen zu halten, um immer das Optimum zur Verfügung zu haben.

 

Mein schönes Holzschachbrett  habe ich dem hiesigen Schachverein geschenkt. Briefmarken sammelt heute nicht mal mehr mein Sohn?

 

Hoch lebe das altehrwürdige Nahschach!

 

 

 

 

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2 Antworten auf Am Krankenbett des Fernschachs

  1. Andy sagt:

    Auch von mir erstmal ein herzliches Willkommen im Club der Blogger! Und hoffen wir dass es nicht bei einem two-post-Blog bleibt 😉

    Zum Thema: wie meine Oma immer sagte: „Früher war (fast) alles besser!“

  2. Nur zur â??schnellen Ã?berprüfungâ?? nötigte er mich regelmäÃ?ig aus meinem Schlafgemach ins Schachzimmer, wo ich seine diversen Partiestellungen wie in einem Museum aufgebaut hatte.
    Der Schachneurotiker über seine Tätigkeit als Fernschachsekun…

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